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Über verborgene Klänge: Man kann der Musik im Dunkeln lauschen, bevor einen die Stimmen blenden.

Dieses mehrkanalige, ein räumliches Klangerlebnis vermittelnde Performancestück handelt von kultureller Hegemonie, kultureller Erosion, kultureller Hybridität und kulturellem Überleben. Es geht um Klänge, die wir in den Hintergrund drängen und um Stimmen und Kulturen, die wir auslöschen, ohne Menschen zu töten.

Die Performance beginnt in einem völlig dunklen Raum mit lauten, unterdrückten Stimmen, die von Menschen aus verschiedenen Kulturen, aber auch von anderen Lebewesen oder aus der Natur stammen und sich zu mikrotonalen Strukturen und polyrhythmischer Dance Music verdichten, wobei sich die granulierten Klänge im Raum bewegen und die Atmosphäre bestimmen. Gegen Ende des Stücks gibt es einen Wendepunkt, an dem gleißendes Scheinwerferlicht schlagartig den Raum erhellt und das Publikum blendet. Künstlicher Nebel erhöht den dramatischen Effekt, während der Raum von leisen, subtilen Klängen erfüllt ist, die kaum zu hören sind.

Inspiriert zu diesem Stück hat mich das Buch Archäologie der Gewalt von Pierre Clastres. Er schreibt:

„Der Ethnozid ist also die systematische Zerstörung aller Lebens- und Denkweisen von Leuten, die sich von denen, die das Zerstörungswerk unternehmen, unterscheiden. Zusammengefaßt bedeutet das, daß der Genozid die Völker als Ganzes, ohne Schonung der körperlichen Unversehrtheit des Einzelnen ermordet, wohingegen der Ethnozid den Geist von Völkern tötet. In einem wie im anderen Fall ist der Tod das Ergebnis, nur daß zwischen den beiden Todesarten natürlich ein Unterschied besteht. […]

Mit dem Genozid teilt er [der Ethnozid, Anm. d. Redaktion] die Sicht auf die Existenz des Anderen. Der Andere ist unbestritten die Unterschiedenheit, vor allem aber die schlechte Unterschiedenheit. An der Frage, welcher Umgang der Unterschiedenheit vorzubehalten sei, scheiden sich Genozid und Ethnozid. Der »Geist« des Genozids, wenn davon die Rede sein kann, will schlicht und einfach deren Verneinung. Man vernichtet die anderen, weil sie ohne Einschränkung schlecht sind. Der Ethnozid dagegen räumt die Verhältnismäßigkeit des Schlechten in der Unterschiedlichkeit ein: Die anderen sind zwar schlecht, aber man kann sie besser machen, indem man sie dazu zwingt, sich solange zu verändern, bis sie dem Vorbild, das man ihnen anbietet bzw. auferlegt, wenn irgend möglich gleichkommen. […]

Der Horizont, vor dem der Geist und die Praxis des Ethnozids Gestalt annehmen, wird von zwei Grundsätzen bestimmt.

Der erste Grundsatz proklamiert die Hierarchie der Kulturen: Es gibt solche, die weniger wert sind, und solche, die mehr wert sind. Der zweite Grundsatz behauptet die absolute Überlegenheit der abendländischen Kultur. Die einzige Beziehung, die diese somit zu den anderen, insbesondere den primitiven Kulturen, unterhalten kann, ist eine der Verneinung. […]

Diese Neigung, Unterschiede am Maß der eigenen Kultur zu messen, nennt man Ethnozentrismus. Das Abendland wäre demnach ethnozidär, weil es ethnozentristisch ist, weil es sich als die Zivilisation denkt und dies nur für sich geltend macht.“

 

Aus: Pierre Clastres, Archäologie der Gewalt, aus dem Französischen von Marc Blankenburg, Zürich-Berlin 2008: diaphanes, S. 9-12.

Rojin Sharafi, Übersetzung: Friederike Kulcsar
Kooperationen

In Kooperation mit SHAPE – Sound, Heterogeneous Art and Performance in Europe. Gefördert durch das Programm „Creative Europe“ der Europäischen Union. Rojin Sharafi ist SHAPE Artist 2020.

Termine
08.10.2020 | 19:30
Location
Dom im Berg
Konzert
Uraufführung
Biografien
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
musikprotokoll 2020 | Hidden Dome

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