60 Diminutionen über Bilder
60 Diminutionen über Bilder audio microscope – visual microphone

Nicht das Bild selbst dient als eine Inspirationsquelle (einer z. B. programmatischen musikalischen „Beschreibung“), sondern die Betrachtungsweise des Bildes und die Auslegung dieser als Beobachtung.  Beobachtet werden visuelle Objekte/Elemente (Linien, Farben, Gestalten, Texturen), ihre Anordnung und  die daraus entstehende Strukturen. In dem ich beim Beobachten ausschneide, unterscheide ich und treffe  dadurch eine Entscheidung. Das scheinbar „Statische“ des Bildes und das scheinbar „Bewegliche“ des Klanges sind sonderbarerweise in der Zeit verhaftet. Das „Statische“ korreliert (vielleicht auch nicht widerspruchslos) mit dem zeitlichen Ablauf des Betrachtungsvorganges eines Bildes. So bald man in diesen Wahrnehmungsvorgang eingreift, verliert das „Statische“ an Konturen und entsteht eine Art Rückkopplung auf das „bewegliche“ Musikalische.

Alles, was man während einer Aufführung sieht – auch die Bewegungen der Musiker, die oft in ihrer theatralisch-visuellen Qualität nicht wahrgenommen werden – oder auch visuell assoziiert, kann eine zweite, eben visuelle Ebene des Musikalischen darstellen und als Ausgangsmaterial für eine visuelle  Komposition dienen, die strukturell direkt aus dem Musikalischen hervorgeht und mit ihm zusammenhängt.
Die Verbindung zwischen Bild und Musik besteht so nur in der gemeinsamen „Bearbeitungsweise“ des „Ausgangsmaterials“.

Die Intensivierung der Wahrnehmung kann auch dadurch gefördert/gefordert werden, dass man sich auf die Möglichkeiten zu unterscheiden (also Entscheidungen zu treffen) einlässt und dies nicht nur als  ästhetische, sondern auch als – im weitesten Sinne des Wortes – politische Haltung versteht, auch als das Vermeiden jeder Art von „Oberflächlichkeit“. Was passiert bei der Betrachtung eines Bildes das vorher mit einem Klangereignis verbunden/assoziiert war? Hört man das, was man sieht?

Orestis Toufektsis

Aus Der Mensch vom Mars von Stanislaw Lem (Suhrkamp 1992, S. 87):
„Ingenieur, was ist das?“ rief der Professor. „Doch wohl kein Gift?“ Fink trat zum Doktor, der sich widerstandslos die Flasche aus der Hand nehmen ließ, und reichte sie mir. Ich beschloss, sehr vorsichtig zu sein und nur ein wenig an dem sonderbaren Gas zu schnuppern. Ich kann nicht sagen, was mit mir passierte. Ich sah zuerst ungewöhnlich schöne, neblig wirbelnde Kreise. Dann ertönten laute und leise Klänge und schufen eine wunderbare Harmonie. Das alles verschmolz in einem Strom von Farben, Licht und Duft, der nicht wohltuend war, sondern eher unangenehm, wie ich jetzt sagen würde – doch dieses Unlustgefühl war süß bis zum Schmerz. Da war das Gefühl eines starken und unwiderstehlich heftigen Lebens, das mit jedem Herzschlag, mit jeder Bewegung eines Muskels und mit jedem Atemzug Wonne spendet; und all das war eingehüllt in ein seidiges Polster. Gleichzeitig sah ich, was ringsum los war und fühlte, dass ich so klar dachte wie noch nie, dass ich so scharf und bunt sah wie ein sonderbares optisches Instrument. Jemand, der Ingenieur, glaube ich, wollte mir die Flasche wegnehmen. Ich drückte sie  krampfhaft an mich, wollte sie nicht hergeben, aber ich fühlte eine leichte Ohnmacht – ich ließ sie los. Jetzt wundere ich mich nicht ... ich wundere mich über gar nichts.

Interpret/innen

Orestis Toufektsis (GR/A), Komposition
Wolfgang Musil (A), Bild und Projektion
EF Ablinger (A), Bildmaterial
Dimitrios Polisoidis (GR/A), Viola
Laszlo Hudacsek (H), Schlagwerk
Martin Veszelovicz (A), Akkordeon
Horia Dumitrache (RO), Bassklarinette

Termine
Location
herbst Camp – Black Cube
Konzert
Uraufführung
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
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