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Ruach 2
Ruach 2

Der Titel „Ruach" wird von mir in der Art gebraucht, wie Ivan lllic die althebräische Vorstellung von Sprache beschrieb

Ruach" bedeutet in direkter Übersetzung: „Widerstand". In den kontinuier­lichen Fluss von Ein- und Ausatmen werden Widerstände eingestreut die Konsonanten. Das ist die Grundlage der Sprache.

Ein zweiter wichtiger Hinweis stammt aus Eduard Rossis Buch „Entstehung des Geistes und der menschlichen Sprache". Er bezeichnet hier die Spra­che als Ergebnis der Umformung des Kehlkopfes zu einem „Ventil", das den Druckausgleich zwischen äußerem Druck der Umgebung auf den Men­schen und innerem agierendem und reaktivem Druck der Bedürfnisse und des Willens bewerkstelligt. Die direkte Form dieses Druckausgleichs ist der Schrei oder der „röchelnde" Verschluss. Seine elaborierte und disziplinierte Form ist die Sprache.

Vieles wird zum Symbol umgedeutet und damit eigentlich missgedeutet wenn man es in ein anderes Medium überträgt. Wenn ich schreibe: Ein Antrieb im Stück „Ruach 2"  war es, das Klavier so lange mit Klavierklän­gen zu beschallen (Eigenblut-Transfu­sion), bis es platzt, erstarrt dort etwas, das in seinem Ursprung ein Augenblick, eine Anschauung und eine Bewegung war. Augenblicke werden zu Absichten, Anschauungen zu Lehren, Bewegungen zu Markierungen aus diskreten Werten um- und missgedeutet. Die Bewegung der Horizontal e ist bei „Ruach 2" aus Kontinua gebildet, die aus diskreten Werten bestehen. Die Vertikale ist ungeklärt. Offen oder frei, je nach Anschauung. Alles was ich weiß, ist, dass sie komplex sein muss. Komplex im Sinne von undurchschau­bar. Das charakterisiert die Unent­schiedenheit der Situation. Denn set­zen wir das gleichzeitige Zusammen­ spiel von Kräften als sinnvoll, so müssten wir eine Utopie annehmen.

„Ruach 2" ist in der Erinnerung an Rainer Werner Fassbinders Beitrag zum Kollektiv-Film „Deutschland im herbst (1977) geschrieben. Fassbinder zeigt sich selbst bei der Produktion des Drehbuchs zu „Berlin Alexander­ platz", während der äußere politische, gesellschaftliche und private Druck sich Ventile in Aggression und hektischer Produktionsweise suchen muss.

Das Zuspielband wurde im Studio für Elektronische Musik an der Hochschule für Künste in Bremen produziert.

 

Text von Christoph Ogiermann, verwendet in Kanal 4 des Zuspielbandes von Ruach 2

... das ist ja nun das, was die Menschen immer so quält, wenn sie so zwischen ihren Gedanken und ihrem Leben so hin und her springen müs­sen, wie jetzt dieses Reden vom Ende, vom Aufhören von Geschichte, die ich ja jeden Tag doch sehe, wo ich rumgeh und Menschen treffe, die doch immer wieder nix anderes kön­nen, als sich selber fühlen wie sie vorbeigehn und also auch Geschichte werden so im Weggehen, ich seh sie und bin doch nicht dabei, sicher weiß ich, merk ich, wie sie da so  fühlen und muss das halt einfach sagen, weils halt auch so ist, dass ich eben auch ne Geschichte hab und die will ich natürlich loswerden diese Geschichte, weils eben eine Geschichte ist, die furchtbar gewesen ist und die ich nur loswerde, wenn ich sie beschreiben kann, wenn ich die zeigen kann und was Neues kommt immer dazu, weils halt immer weiter geht und weil auch diese Grausamkeit immer weiter geht, die die Leute aufeinandertreibt, weil sie ja nicht von­ einander loskommen und immer wie­ der zusammenmüssen wo sies doch gar nicht wollen, wie ichs auch immer und nie gewollt hab und deshalb stell ich halt was dazwischen, zwischen die Andern und mich und so komm ich zu ihnen hin und geh auch gleichzeitig weg, weil das ja was ist, was die Leu­te bewundern, aber auch nich verstehn und ich will nix anderes, als dass die mich verstehn, die Leute, und dass die mich mögen und deshalb arbeit ich wie eine Krankheit, weil ja sonst einer da sein müsste, der mich die ganze Zeit hält, wie ich so weiter­ geh, dass ich nur noch da sein müsste ohne was zu tun, wie ich das ja weiß, dass das nicht geht, aber so ist das doch Quatsch mit der Frage, dass das so aufhören soll mit der Geschichte, weil ja jeder Mensch, diese Frau da mit dem Kinderwagen, die raucht Zigaretten und schiebt da so abgekämpft, und wie  soll ich  da sagen, dass sie nichts ist, dass sie nirgendwo hingeht und auch nirgendwo­ herkommt und da kann ich ihr doch gleich sagen, dass sie sich umbringen soll, was hält ab davon, sie zu fragen warum sie sich nicht umbringt, wo sie doch nirgends hingeht, wie diese Bie­ne, ich weiß nicht, ob das eine Biene war, ein großes Insekt mit so einem pulsenden Körper, das kriecht im Bus die Scheibe hoch, kann sich ja gerade so halten an dieser glatten Scheibe, kriecht immer weiter, und wo kommt das Tier hin, ans Ende der Scheibe, wo die eingefasst ist in so einen schwarzen Gummifalz, kommt das Tier da an und kriecht jetzt an dem Falz entlang und kommt bis zum Ende der Scheibe, wo der Falz nach unten abgeht und kriecht und kriecht jetzt wieder abwärts und so weiter, manch­ mal fällt das Tier auch einfach so von der Scheibe ab, wenn die Beinchen sich nicht mehr halten können und dann ist das aber nur wie ein schnellerer Abwärtsgang, gleich geht es wieder aufwärts, das einzige,  was es heißt, ist weiter und immer weiter, letztlich könnt ich mich ja auch gleich fallen lassen, so abstürzen, aber die­ses Weiter verschafft mir ja auch so eine Art Befriedigung, wenns die andern als weiter  erkennen, sicher frag ich mich auch wohin, aber nich wissen wohin, ist ja nicht das gleiche wie, es ist zu Ende, da weiß man viel­ leicht nicht wie, aber es  geht  weiter, da kann man oft ja auch gar nichts machen, selbst wenn man es wollte, fast gegen seinen Willen geht es wei­ter, wie mit dem Reden, denn Erfah­rung fällt ja erst zuletzt ins Wort rein, selbst den Besten damit gelingt das nich und auch wenn so ein Buch, wie das vom Alexanderplatz mir geholfen hat, was klar zu kriegen, hab ich mich damit aber nich zufrieden gegeben, sondern ich musste auch  noch den Film machen, diesen langen, er musste lang sein, weil ja jede  Sequenz für sich auch langsam im  Kopf entsteht und wenn sie dann mit furchtbarer Hysterie hereingesprochen wurde in diesen Kassettenrecorder, immer wei­ter auf dem Bett diktieren, eine Ein­stellung nach der anderen, dann auch so aufgemalt auf dem Papier, Strich­zeichnungen für meine Erinnerung, so wie ich das sehe und so wie ich das gesehen hab, wie ich das gehört hab, wenn ich drauf geachtet hab, wie das überall wieder ist, was ich da gelesen hatte und so kann ich mir  das Stärk­ste aussuchen aus all den Szenen, die ich da beobachte, wie die  Frau mit dem Wagen, wenn das die Mieze ist, das ist auch ein Teil von der, auch wenn ich dann natürlich mehr  und mehr die Barbara sehe, die dann rein­ wächst und die dann immer mehr das Bild füllt von der Mieze, das  her­ kommt aus meiner  Erinnerung an viele Frauen, aber vielleicht hört dadurch irgendwann die Sprache auf und wird ganz körperlich, so, wie man dann ja irgendwann nur noch die Musik hat und nicht mehr das  Papier  auf dem sie aufgeschrieben ist, die Musik oder die Zeichnung, die vorher war, bevor da eine Skulptur aus dem Stein herauskommt und so, so ist das doch mit der Sprache von Büchern, oder es ist ja eher Schrift, nicht, also mit der Schrift, die hört ja auch auf, das zu sein und wird erstmal so ein Hinein­fallen und Vergleichen mit dem was man schon gehört oder gesehen hat und dann hört das Buch auf und wird erstmal, naja, nun wird erstmal ernüchtert, es hat sich ja nix geändert draußen, außerhalb von dir, wo du doch manchmal meinst, alles müsste anders sein als vorher, weniger Schmerz und weniger Langeweile und so, aber das ist ja schon so als Kind, wenn man da zum ersten Mal mit­ kriegt, dass da nix anders ist, dass man erfährt, was das heißt, die Verhältnisse, die ja auch ganz wörtlich zwischen den Leuten sind und wie sich die Leute in den Gegenständen herumbewegen und sie gebrauchen, so zueinander besonders, das hab ich schon ganz früh gemerkt, dass da was nich zusammengeht, mit Büchern oder Kunst so ganz, auch die Musik, so die ganz einfache, die du in den Kneipen hörst, das was so Kitsch genannt wird, das ist für die Leute ja auch so ne Art Utopie, oder was heißt so ne Art, das ist ja eine, das löst ja ganz viel aus, man löst sich auf so für ein paar Minuten und das ist ja auch nicht nur Vergessen, sondern da wird geträumt, klar ist das irgendwie spießig und so, aber da ist eben auch ein Mangel, der gar nicht so anders ist, als das, was man so in dem sucht, was so richtige Kunst heißt...

Christoph Ogiermann
Interpret/innen

Klaus Lang: Orgel
Louise Sibourd: Klavier
Erik Drescher: Flöte
Ensemble die reihe
Dirigent: Rupert Huber
Elektronik: Winfried Ritsch

Termine
Location
Mariahilfer Kirche
Konzert
Österreichische Erstaufführung
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
musikprotokoll 1998 | Lang/Riegebauer/Ogiermann