In The End It Is All About Me
Ein Musikstück für Stimme, Pfiff und Echo

Im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit der Stimme als Grenzphänomen bereisten der Künstler Heimo Lattner und die Kultur- und Politikwissenschaftlerin Judith Laub die Insel La Gomera auf der Suche nach der Pfeifsprache Silbo Gomero.

Silbo Gomero, eine phonetische Übertragung der gesprochenen Sprache in Pfiffe, wurde bereits von den Ureinwohnern der Vulkaninsel als Kommunikationsmittel verwendet. Die Ursprünge sind nicht eindeutig bekannt. 1413 erwähnten Missionare einen „merkwürdigen Stamm, der nur mit den Lippen spricht“. Im Zuge der Kolonialisierung durch die spanische Krone Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Guanche, die Sprache der Ureinwohner, ausgelöscht. Die Pfeifsprache überlebte. Seither wird auf Spanisch gepfiffen. Zwischen 1950 und 1980 verschwand die Pfeifsprache Silbo Gomero, nicht zuletzt wegen der Verbreitung moderner Telekommunikationstechniken, fast gänzlich. 1982 setzte die UNESCO sie auf die Liste der zu schützenden Weltkulturgüter. Seit 1999 ist sie Pflichtfach an den Grundschulen der Insel und gehört seit 2009 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Der dritte Teil des Projekts The Silbadores. In the End It Is All About Me setzt das Dialogische ins Zentrum. Pfiff und Stimme dienen der Kommunikation und bilden die Basis für soziale Verbindungen. Sie gehen von einem Menschen zum anderen. Der Klang, der das Unterschiedene und voneinander Getrennte miteinander verbindet, erzählt somit von eben diesem Widerspruch: Er markiert und überwindet die Distanz. Die Stimme trägt bis zu 40 Meter, ein Schrei 200. Der Pfiff eines Silbadors reicht bis zu fünf Kilometern und stellt damit die maximale Ausdehnung des menschlichen Körpers ohne technische Hilfsmittel dar. Bei der Verständigung über die weiten und tiefen Felsschluchten La Gomeras hinweg nutzten die Silbadores die Eigenschaften des zu Überwindenden: Das Echo trug ihren Pfiff über weite Distanzen. Für den heutigen Gebrauch der Pfeifsprache in den Städten, in den Klassenzimmern oder in den Restaurants, als touristische Attraktion, spielt es hingegen keine Rolle mehr.

Metaphorisch betrachtet, schiebt sich das Echo – die „Stimme“ des Raums und der Zeit – als Korrektiv zwischen die beiden Figuren Pfiff und Stimme. Das Eigene sieht sich mit sich selbst konfrontiert, wenn es von außen als Fremdes zurückkehrt. Die Karten werden neu gemischt. Das Zusammenspiel von Stimme, Pfiff und Echo unter den speziellen akustischen Eigenschaften des Grazer Schloßbergstollens bildet die Grundlage des Stücks und wird mittels Spatialisation und anderen elektroakustischen Bearbeitungen verändert und neu projiziert. Es ist ein Spiel mit gewaltsamen Risiken und subtilen Gleichgewichten, die sich bilden, rhythmisieren, entwickeln und immer wieder aufs Neue zerbrechen.

Heimo Lattner, Judith Laub
Audiodoku
Audio file
The Silbadores - "In The End It Is All About Me" © ORF musikprotokoll
Interpret/innen

Heimo Lattner (A), Judith Laub (D), Karolin Nedelmann (D) Konzept, Text und Dramaturgie
Werner Dafeldecker (A) Komposition, Live Elektronik und Diffusion
Kico Correa (E) Piff
Angelika Sautter (D) Stimme

Kooperationen

Auftragswerk musikprotokoll. Gewinnerprojekt ECAS Call 2012, working period 2 “Bridging”. Part 1 musikprotokoll 2012. Part 2 CTM Festival 2013.

Termine
Location
Schloßbergliftstollen
Konzert
Performance
Uraufführung
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
musikprotokoll 2013 | The Silbadores / Part 3