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Eröffnungsmusik
Eröffnungsmusik

Übermalung, Collagierung, Decollage
Zur aktuellen Musik von Max Nagl

Hören: ein verzweifelt schluchzendes Kind, leise Töne einer asiatischen Mundorgel, eine undefinierbare Klangfläche. Hall tritt hinzu. Ein virtueller Raum breitet sich aus. Was hört man, einen manipulierten Filmausschnitt, verzerrten Straßenlärm oder meditati­ve Klangprozesse?

Hören ist eines der 19 Stücke, aus denen sich Max Nagls Projekt Super 8 zusammensetzt, einer Mixtur aus zufällig aufgenommenen Alltagsklängen, AV-Medienmüll, Instrumentalsätzen bzw. -improvisationen, Geräuschen unterschiedlichster Provenienz.

Seine Arbeitsweise beschrieb Nagl ebenso treffend wie simpel: Kompo­nieren bedeutete hier für ihn, eine akustische Schicht über die nächste zu legen. Auf diese Weise erhielt er ein komplexes Gebilde, das in postmoder­ner Buntheit erzählt  und doch keine Collage ist. Stets schimmert der Wille zur Geschichte, zum surrealen Film­-Soundtrack durch; auch die Freude eines Saxophonisten an den her­kömmlichen Musik-Genres ist unüberhörbar. Nicht zu leugnen: Super 8 ist das mediale Produkt eines Allround-Musikers, der sich durch so ziemlich alle Stilrichtungen gespielt hat.

Am Anfang war die Volksmusik. Nagl wuchs in Gmunden auf, Jahrgang 1960, der Vater war Organist und Kapellmeister. Bald durfte Sohn Max in der väterlichen Blaskapelle mitspielen; Klarinette und Klavier waren seine ersten Instrumente. Später, mit 16 Jahren, erlernte er das Saxophon, sein heutiges Hauptinstrument. Jazz war die Musik, die er ab da in allen Formen und Spielarten machte - vom ganz normalen Swing" mit seiner Gruppe „Go 4 it" bis zur freien Improvisationsmusik.

Nagls Ausbildungsweg verlief vom Linzer Musikgymnasuim über das Konservatorium bis zur Musikhochschule Wien; hier studierte er Rhythmik. Seine eigene Komponierarbeit lag brach, dafür trug er eine Affinität zum Tanztheater aus dieser Zeit davon.

Dann New York. Tradition ist Ballast, lernte er dort, es zählen nur das Ohr und der eigene Geschmack. Und er spielte sich kreuz und quer durch die Manhattaner Downtown-Szene. Derart geschult, kam er zurück nach Wien und machte aus Leibeskräften Musik: Ein enormous nitemare entstand, so der Titel einer CD mit seinem damaligen Trio "Manhattan Love Suicide".

„Heftig" sei das gewesen, so Nagl aus heutiger Sicht, da wurde hineingedro­schen und -geblasen, was das Zeug hielt. Die Energie-Entladungen erfolg­ten meist äußerst rasch: Jedes Stück dauert nicht länger als ein, zwei Minu­ten - 32 Cuts meldet die CD.

Die kurze Form hat überlebt, der Krach nicht. Irgendwann, erinnerte sich Nagl, hatte ihm diese Art des Musikmachens zu wenig Substanz. Ohlsdorf 18, eine CD-Produktion von 1995, ist ein Vorläufer von Super 8: Eine bizarre Mischung aus Saxophonimprovisationen und Tanzeinlagen, in der bereits eine Reihe geräuscherzeugender Instrumente zum Einsatz kommt. Hier kündigen sich jene Geschichten an, die Nagl in Super 8 erzählen wird: Melancholische Betrachtungen eines Saxophonisten unter Anteilnahme diverser Klangobjekte.

,,Mama, ich kann dich nicht hören!", schreit das Kind. Herzergreifend? Eine filmische Rührszene? Nein, sagte Nagl zu Hören, das war kein Film. Er habe das Mikro aus dem Fenster gehalten, den Regler weit aufgedreht und dann diesen kindlichen Hilferuf aus den Straßengeräuschen herausfiltern können. Super 8 leitet das Ohr oft gehörig in die Irre - keine Chance, den Ingredienzen der einzelnen Samples auf die Schliche zu kommen. Aber es ist auch nicht wichtig.

Zur Hälfte ist Super 8 ein „Zufallsprodukt". „Zu der Zeit, wo ich diese Sachen aufgenommen habe, waren gerade die Olympischen Spiele iAtlanta, das Bombenattentat, der Flug­zeugabsturz, und alle Sender berichte­ten darüber. Da habe ich dann manch­mal auf den Aufnahmeknopf gedrückt und, wenn's passte, das Sample in das Stück hineingebastelt."

Oder umgekehrt: Fragmente von Film­ Tonspuren dienten als Basis und wurden von Nagl quasi übermalt. Week­end etwa operiert nicht mit realen auf­ genommen Zuggeräuschen, sondern mit Ausschnitten aus dem Godard-Film Weekend, adie sich  stimmungsvoll ein statisches Wechselnoten-Motiv schmiegt. Der Filmsound wird zum Klangtheater, inszeniert von einem Regisseur, der genügend Geduld und auch Vertrauen hatte, auf die passen­den akustischen Fundstücke zu war­ten. Übermalung, Collagierung, Decollage - vertraute Stilmittel der Postmoderne. Auch Nagls Instrumenta­rium gibt sich verspielt: Neben diver­sen Blas- und Tasteninstrumenten ver­wendet er etwa eine Plastikgitarre, ein Spielzeugklavier, eine Handorgel, Küchengeschirr, allerlei Kinderspiel­zeug wie einen krächzenden "Speak­ and-spell"-Apparat. Bei der Produktion der CD Super 8 kam Nagl nicht ohne artistische Verrenkungen aus: Sein Aufnahmegerät war ein schlichter 4-Spur-Cassettenrecorder, und da habe er möglichst viele Instrumente gleichzeitig bedient, um noch ein oder zwei Spuren offenhalten zu können. Die Buntheit der Klänge und Fundstücke trügt. Super 8 ist keine fröhliche Mix­tur aus allem, was gut klingt, auch an die rabiaten stilistischen Wechselbä­der, in die etwa ein John Zorn seiner­zeit die Hörer tunkte, erinnert wenig. Der Musik bleibt Zeit zum Atmen, Stimmungen werden abgefedert. Die einzelnen musikalischen Versatzstücke sind einander angepasst; nicht der Schnitt, sondern der Übergang prägt die Form.

Die aufgelesenen «objets trouvés», ihres ursprünglichen Sinnzusammenhangs beraubt, erhalten im Kontext der Naglschen Kompositionen eine neue Identität, eine neue emotionale Bedeutung. Sie treten nicht "entse­mantisiert" auf, sondern sind an die melancholischen Gesänge eines Akkor­deons gekoppelt, an mollgetrübte Akkordflächen oder an gelegentliche heftig aufbrausende Rockrhythmen.
In den Naglschen Hörstücken, heißen sie nun Super 8, Mélange à trois oder Daily Bullet, wachsen Klangpartikel zu einer Geschichte zusammen, Miniatu­ren fügen sich zur großen Form. Ein Spiel mit der Zeit: Emotionen geraten in Bewegung, lösen sich in rasch wechselnde Bilder auf oder Verweilen im Standbild. Die illusion, musik zu einem „film" zu spielen" hatte Max Nagl bei Ménage à trois, und diese Illusion scheint ihn stets zu begleiten, auch wenn die Filme längst von der Leinwand verschwunden sind.

Andrea Zschunke
Interpret/innen

Sampler, Sax: Max Nagl
Violine:  Joanna Lewis
Electronics: Josef Novotny
Percussion: Patrice Heral

Termine
Location
Grazer Congress
Konzert
Uraufführung
Biografien
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
musikprotokoll 1998 | Max Nagl /Eröffnungsmusik