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improvisation
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Rehberg & Bauer

Die CD Faßt ist die erste ,,full length" Veröffentlichung von Rehberg & Bauer, entstanden 1996 an verschiedenen Wochenenden und in den Nächten nach der Arbeit. Alles wurde auf Hard Disc editiert und gemastert. Da es aus finanziellen Gründen unmöglich war, an ein upgraden der Maschine zu denken, wurde alles auf 8 bit reduziert.

Was der Hörer hört, ist also eigentlich nur die halbe Geschichte. Eine Geschichte, die von der Schwäche unserer Abhängigkeit von den Maschinen erzählt.

Darauf beruhend sei nun gesagt, hier handelt es sich eben nicht um den unerfüllten Fetisch-Traum von Techno­ Freaks mit ihrer geliebten Maschinerie, sondern um den Versuch, menschliche Fehlerhaftigkeit und Irrationalität in den kreativen Prozess der sogenannten Maschinenmusik einfließen zu lassen. Alle zu Grunde liegenden Klänge stam­men von kaputten DAT-Bändern, per­sönlichen Fehlern, vollkommenem Maschinenversagen und Computerabstürzen.

The final cry for help from the derailed facsimile line.

Rehberg & Bauer

 

Happy Days

Bemerkungen zu Jim O'Rourke
Von Keven McAlester

23.01 Uhr: Die Gäste nippen an ihren Gläsern, Tom Watson ist auf der Bühne, der Club gut besucht. Auf dem Programmzettel stehen Maya Thompson von Red Krayola, Tom Watson von Girl Friday und Jim O'Rourke, Avantgar­dist und Multi-Instrumentalist aus Chicago, der, noch nicht 3o-jährig, auf den Besetzungslisten von über 100 Platten aufscheint, als Komponist und Solist, Bandmitglied, Mitarbei­ter, Remixer, Producer. O'Rour­ke ist als nächster dran, und selbst jene im Club, die extra wegen seines Auftrittes kamen, können nicht im geringsten abschätzen, was er tun oder spielen wird. Seine wichtigsten musikalischen Zie­le, sagt O'Rourke, seien, hoh­le Gesten zu attackieren und mit Erwartungen zu spielen. O'Rourke ist jemand, dem es Vergnügen zu bereiten scheint, sich selbst in unangenehme Situationen zu manoeuvrieren; jemand der sagt, er hasse es, einunddas­ selbe Stück überhaupt ein zweitesmal zu spielen, weil er sich dann schon unehrlich und verlogen fühle. O'Rourke ist jemand, der viel Verschie­denes produziert oder gespielt hat, musique concrète und improvisierten Lärm, schrägen Pop, saitengezupften Folk. Berühmt ist er für seinen Konzeptualimus, also für das strategische Durchdenken als Teil der Kunst, aber dann ver­öffentlicht er plötzlich eine süße, hübsche, raffinierte Platte, und er arbeitet mit dem radikalen, asketischen Minimal-Pionier Tony Conrad.

Er unterscheidet nicht zwi­schen E und U, zwischen high­ brow und towbrow; seine Methode ist es, keine Metho­de zu haben.

Er setzt sich auf den Sessel auf der Bühne, greift sich sei­ne E-Gitarre, und beginnt, sei­ne Finger mit einem Klebe­band zu umwickeln. Er scheint in der leisen und gefährlichen Stimmung zu sein, den Club in den nächten Minuten bra­chial leer fegen zu wollen. Er legt das Klebeband beiseite, zögert eine Sekunde, und beginnt.

In seiner Jugend war Jim O'Rourke Purist. Während er in Chicago aufwuchs, hörte er Jazz und klassische Musik. Die einzige Rockmusik, die er ausstehen konnte, war die von Musikern, die ähnliche Vorlieben hatten, Zappa, King Crimson, Van Dyke Parks („nichts geht über Song Cycle", sagt er noch heute), Jack Nizsche - die Genies eben. Mit sechs begann er Gitarre zu spielen, in der Unterstufe experimentierte er mit präparierten Gitarren, während der Oberstufe war er besessen von Karlheinz Stockhau­sen, Pierre Boulez, den Minimalisten, der musique concrète. Nach der Matu­ra studierte er Komposition bei DePaul. Er spielte mit der post-indu­strial Gruppe Illusion of Safety. Mit 18 veröffentlichte er seine erste Solo-Plat­te, Some Kind of Pagan.

„Als ich jung war dachte ich, jedes Plattenangebot annehmen zu müssen, sonst würde mich keiner mehr fragen. Das heißt: Meine ersten Platten hasse ich, das ist unfertiges Zeug. Die dritte geht dann so halbwegs. Ich bin echt froh, dass man diese Patten nirgends mehr bekommt. Das Entscheidende war natürlich, was ich dabei gelernt hatte: Man kann zwar ein Stück Musik oder eine Idee von ihrem kulturellen Gewicht und ihrer Besetztheit befreien, aber man kann nicht beeinflussen, wie jemand das versteht und wahrnimmt.

Außerdem brauchte ich bis 21, um über das „je komplizierter, desto besser'' hinweg zu kommen."

Seine frühen Platten variieren jeweils ein Thema, ein Konzept wird vorgestellt, es wird damit herumgespielt und das Ergebnis als Stück präsen­tiert: Tamper aus 1991 versucht, musi­que concrète mit klassischen Instru­menten zu erzeugen, Scend (1992) und Rufes of Reduction (1994) thema­tisieren die klassischen Methoden der elektroakustischen Tonbandkompositi­on und Remove the Need (1993) besteht aus vier langen Gitarrenimprovisationen. Dann nahm Jim O'Rourke Kooperationen mit Henry Kaiser (1992) und K.K.Null (1993) auf. Inzwischen hatte O'Rourke auch begonnen, einige seiner früheren Positionen zu überden­ken, vor allem seine Distanz zur Rock­musik. Und der Druck fiel von ihm ab, alles veröffentlichen zu müssen und jede musikalische Idee zu einem Stück verarbeiten zu wollen. Er hörte sogar für eine Weile auf, Gitarre zu spielen, und konzentrierte sich auf Tonbandmanipulationen und Instrumente, die er eigentlich nicht beherrschte.

„Diese Einstellung ,Das war gut, so muss ich weitermachen' ist mir fremd. Etwas vom Besten, das ich damals dann lernte, war, Dinge wegzuwerfen. So bis 21 hieß es: Das muss ich alles verwenden. Aber dann lernte ich, meine eigenen Sachen zu editieren und redigieren. Allerdings musste ich durch eine Phase, da warf ich einfach alles weg. Ich produzierte Sachen schon, nur damit ich sie dann wieder löschen konnte. Eineinhalb Jahre habe ich an einem Stück gearbeitet, und als es fer­tig war die delete-Taste gedrückt. Heu­te noch verwerfe ich oft Eigenes. Das ist auch ganz okay so."

Um 1994 hatte Jim O'Rourke endgültig die Grenzen zwischen E-Musik Komposition, Improvisation und allem ande­ren verworfen. Was aber in seinem Fall eben nicht hieß, dass er auf der Suche nach einem Hybrid aus all dem war. Er hatte sich mehrere Idiome angeeignet, aber er setzte dieses Können klug, voneinander getrennt und unerwartet und überraschend ein. 1994 war auch das Jahr, in dem er eine ganze Reihe anderer Projekte begann, die ihm Ruhm in neuen Szenen brachten: Er produzierte Rien, die Reunion-Platte von Faust, er arbeitete mit Tony Con­rad an dessen erster CD seit 20 Jah­ren, Slapping Pythagoras, er spielte erstmals mit einer eigenen Rockband und veröffentlichte die kühle, distan­zierte Platte When in Vanitas, er begann mit Red Krayola zu spielen und auch mit Gastr des Sol zusam­menzuarbeiten, dieser Band mit betont sprödem, konzeptuellen Pop/Folk. Und seither ist Jim O'Rour­ kes Arbeitstempo nicht mehr langsamer geworden.

23.06 Uhr: Es stellt sich her­aus, Jim O'Rourke spielt gar nichts Attackierendes, Abstrak­tes, oder Prätentiöses; statt­ dessen spielt er ziemlich hübsche Version von lvor Cutlers Women of the World. Er spielt es nah am Original, gezupfte Saiten im Folkstil, und es erstaunt, welch virtuoser Gitarrist er auch ist. Er spielt schnell und elegant, manch­mal beugt er sich zum Mikro­phon und singt die drei Text­ zeilen dieses Liedes: „Women of the world, take over / 'Cau­se if you don't the world will come to an end/ And it won't be long." Manchmal hört man ein Zuspielband, noch ein, zwei Gitarren, einige backgro­und-vocals, aber so leise, dass man sich gar nicht wirklich sicher sein kann. Das Ganze klingt und tönt, wunderbar. O'Rourke singt den Refrain noch ein paar mal, jetzt wird der hübsche Song wohl bald vorbei sein.

All die Veröffentlichungen aufzuzählen, an denen O'Rourke während der letzten Jahre beteiligt war, würde diesen (und die meisten anderen) Rahmen sprengen. In Stichworten: Er gewann Profil als Remixer (Merzbow, Tortoise, Jesus Lizard), Produzent (John Fahey, Smog, Faust), Mitarbeiter (Eddie Prevost, Günter Müller) und selbstverständlich als solistischer composer/performer eigener Musik.

Vier Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit belegen diese Vielfalt, mit all ihren Risiken, Ambitionen und Schönheiten. In Kürze: Auf der Sonic Youth/lim O'Rourke EP sind drei Stücke, zwei davon länger als 20 Minuten, alle improvisiert, oft auf Instrumenten, die nicht die Hauptinstrumente des jeweiligen Musikers sind. Das Ergebnis ist etwas mühsam. Genudelter Gitarrenlärm, einsam krächzende Trompetenstöße, Gestöhne und Gesinge von Kirn Gordon, irgend­ was klingt wie elektronisch verfremde­tes Wassertropfen, hin und wieder ein paar unvermeidliche drum-beats.

O'Rourke sagt, er liebt Improvisation „wenn Unerwartetes passiert, und ich sehen kann, dass die Leute in Bann gehalten sind. Oder wenn ich mich oder die Band sich wo  wiederfindet, wo wir noch nie waren." Mühsam ist diese Platte dennoch, weil sie so Unentschieden wirkt zwischen radikal und vorhersehbar, und weil das über­raschende vielleicht im Detail lebt, im Großen gesehen aber gar nichts an dieser Zusammenarbeit überraschend ist. O'Rourke's Soloplatte Happy Days - sein jüngster Kommentar zum Thema Minimalismus - hingegen ist eine künstlerisch erfolgreiche Etüde in Sachen Provokation von Publikumsun­wohlsein. Der CD einziges und 47 Minuten langes Stück beginnt mit ein­zelnen Gitarrentönen, gleichmäßig und sanft folgen ein Ton und dann eben­ dieser eine Oktave höher immer wie­der aufeinander. Das dauert acht Minuten. Dann setzt eine Drehleier ein und langsam wird das gleichmäßig surrende Dröhnen Schicht um Schicht intensiviert. Irgendwann während dieses Prozesses scheint die Gitarre zu verschwinden, um vier Minuten vor Schluss des Stücks - die Drehleier hat aufgehört zu spielen - wieder aufzu­tauchen und wie unberührt ihre Okta­ven weiterzuspielen. Dann endet das Stück. Wenn Jim O'Rourke das Stück live spielt - immerhin schon zweimal -, spielt er die Gitarre das ganze Stück hindurch gleichmäßig weiter, ob man sie nun hört oder nicht. Das Stück beeindruckt in seiner Reduktion nicht nur, weil die dröhnenden Drehleier­ schichten spannende Klangprozesse auslösen, sondern auch weil es in seiner Konzeption ein witziger und den­ noch unironischer Kommentar zum Thema Auflösung des künstlerischen Subjekts im ausdrucksästhetischen Sinn ist.

23.16 Uhr: Na gut, nun spielt Jim O'Rourke das Liedlein seit einer Viertelstunde. Drei Zei­len: Women of the world, take over / 'Cause if you don't the world will come to an end / And it won't be long." Das Publikum beginnt, sich ver­wundert umzudrehen und anzuschauen. O'Rourke spielt und singt stoisch weiter. Er macht keine Anzeichen, dem­ nächst aufzuhören.

Am anderen Ende seines Spektrums, also weit entfernt von Sonic Youth und Happy Days, liegt eine andere Soloplatte, Bad Timing. Es sei sein erstes Album, sagt Jim O'Rourke, das „nicht auf ein bestimmtes Konzept hinauswill, das nicht eine spezifische musikalische Fragestellung zu beantworten sucht". Vier lange Songs, vor­ getragen mit akustischer Gitarre und versehen mit schrägen, unerwarteten, wenn auch sanften Arrangements mit Bläsern, Klavier und Pedalgitarre: Das ist O'Rourkes eingängigste Platte, eine entspannte Demonstration seines Wit­zes, seines Könnens, seiner Musika­lität, seiner Fähigkeit zu überraschen.

Schließlich - das ist die vierte der aktuellen Platten: Camoufleur von Gastr des Sol. Als Mitglied dieser Band mit ihrem dekonstruiertem Folk/Rock Sprödigkeiten hatte O'Rourke schon eine Weile musiziert und veröffentlicht. Diese Platte sollte die letzte der mittlerweile aufgelösten Gastr del Sol sein, eine Platte, über die man wie bei Bad Timing sagen könnte, sie sei die eingängigste der Karriere dieser Band, wenn auch auf ganz andere Weise. O'Rourke war nicht glücklich mit dieser Zusammenarbeit und verließ die Grup­pe noch, bevor diese beschloss, sich aufzulösen.

Es überrascht nicht, dass O'Rourke mittlerweile an seiner nächsten Solo-Platte Eureka arbeitet, während er in Chicago Festivals veranstaltet, befreundete Musiker zu Sessions und Produktionen einlädt und aus der Stadt ein Zentrum schräger Töne macht; sowie immer wieder unterwegs ist in den USA und in Europa, und sich nun auf ein ausgedehntes, drei Abende dauerndes Projekt in Graz beim Musikprotokoll einlässt. Die neue Plat­te Eureka soll auch eine Version von Women of the World enthalten, aber dennoch nicht die auch schon einmal angekündigte Cover-Versionen-Platte werden. Lieder wie Women of the World spielt O'Rourke nicht mit ironi­scher Arroganz, sondern weil er sie schlicht mag, ebenso mag, wie provo­zierenden Lärm oder reduktionistische Einfachheit.

23.29 Uhr: O'Rourke spielt und singt noch immer. Das Publikum ist nach dreißig Minuten einunddeselben kleinen Liedchens schon jenseits von Ablehnung und Verärge­rung. Das Publikum ist schon wieder gespannt. Das wunder­bare an solch einer Aufführung ist, dass O'Rourke sie irgendwie subtil, konzentriert und überzeugend hinkriegt. Es hat was von guter alter Kon­zeptkunst und ist so einfach und sinnlich dabei, auch weil dieser Song genau die dafür notwendige simple Schönheit hat. Vermutlich wird er dieses Lied nie mehr wieder live spielen, aber auch das weiß man nicht genau. Man weiß überhaupt nie, was man von Jim O'Rourke bekommt, aber man kann sich sicher sein, es ist - selbst wenn er scheitert - überlegt und intelligent, nie­mals billig um eines Effekts willen. Und selbst wenn man einmal stöhnend ein Jim O'Rourke Konzert verlässt, man wird darüber sinnieren, nachdenken, und es sich mer­ken.

Übrigens: Kurz nach halb Zwölf beendet Jim O'Rourke dann doch seine Version des Liedes. Unspektakulär, es ist einfach wieder aus. Und das Publikum spendet rauschen­den Beifall.

Keven McAlester / Übersetzung und Text-Redaktion Christian Scheib
Interpret/innen

Computer: Peter Rehberg, Ramon Bauer
Gitarre, electronics: Jim O'Rourke

Kooperationen

Auftrag des Musikprotokoll

Termine
Location
p.p.c. (ehem. Theatro)
Konzert
Uraufführung
Biografien
Dieses Werk gehört zu dem Projekt:
musikprotokoll 1998 | Rehberg/Bauer/Jim O'Rourke