Fraktur IX

Fast scheint es ein stilles Einvernehmen zu geben, jene Musik, die nicht Programmmusik sein soll, nach hinter ihr liegenden Gedanken, Motiven nicht zu befragen; vielmehr sich - zumindest zur Zeit ihres Entstehens - peinlich davor zu hüten, sie anders zur Kenntnis zu nehmen, denn als reine musikalische Substanz. Doch es gibt immer einen Grund, enen Gedanken, notabene eine Emotion, ohne dass diese musikalisch zur Darstellung einer Landschaft oder einer Befindlichkeit führen muss.

So auch hier. 

Das Werk Fraktur IX - 5. Oktober (Biting Off the Soldier's Thumb) ist unter dem Eindruck einer Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte entstanden, vom ersten überlieferten Ereignis, einem abgebissenen Daumen, bis hin zum geplanten Ende 1942, das den Mördern nur unvollständig  gelangVon dieser Beschäftigung handelt die­ses Werk nur insoweit, als sich während der Entstehungszeit des Werkes alles um diese Thematik drehte. Doch wieviel oder besser wie we­nig ist nicht zu bestimmenLetztlich ist es allerdings auch das Monument eines Sieges. der, wie alle, ein bitterer ist. (G.N.)

Der mittlerweile elfteilige Zyklus Frakturen r verschiedenste Besetzungen hinterfragt musikalische Selbstverständlichkeiten und brüskiert Hörgewohnheiten durch Bloßlegung von Widersprüchen. Durch das Entwirren scheinbar unumstößlicher musikalischer wie sozialer Beziehungen werden Zusammenhänge verdeutlicht bzw. neu gebildet. Die Interaktion zwischen den Ausführenden wird immer stärker thematisiert. Herdentrieb, Machtkampf, Flucht, Überraschung, Selbstvertrauen und Angst, Komik und Aushöhlung als musikalische Parameter schaffen Situationen, in welchen spielerisches Geplänkel unvermutet in bitteren Ernst umschlagen kann. Bei aller emo­tionalen Dichte und bei allem leichten Spiel mit Tabus sind auch klangliche und geräuschhafte Farbigkeit und dramaturgische Logik wesentliche Elemente dieser Kompositionen.

Fraktur V - 9. November - geschrieben im Gedenken an die Opfer des Novemberpogroms 1938 - und  Fraktur X - Crossing the Bar, beide für großes Orchester, sind eine musikalische Auseinandersetzung mit  dem Phänomen undifferenzierter Massenbewegungen, ihrer Eigendynamik sowie ihrer Steuerung von oben.

Fraktur IX - 5. Oktober (Biting Off the Soldier's Thumb) ist die mittlere dieser im Prinzip zur zyklischen Aufführung vorgesehenen drei Orchesterfrakturen und auch struktu­rell deren konzises Kernstück. Das bruchhaft Zerrissene, das sich hori­zontal und allgegenwärtig durch die anderen Frakturen zieht und ihr Geschehen in fast jedem Augenblick bestimmt - in verschiedenen Ebenen sind gleichzeitig der jeweilig aktuelle, direkte musikalische Konflikt, unmittelbare Reaktionen auf diesen sowie vertiefende, weiterführende bzw. kritische Kommentare präsent, welche im Moment ihres Erscheinens auch wie der als Zündstoff für die ursprüngliche Auseinandersetzung instrumentalisiert werden können - verdichtet sich in Fraktur IX in einem  einzigen  Punkt, noch vor der Mitte des Stückes: Kulmination - schroffer Abbruch; quasi zufälliges Weiterbestehen eines einzelnen vagen Tons; aus diesem heraus neue Entwicklung. Kataklytischer Ausbruch - sublimierende Verinnerlichung: Aus gleichem Material entstehen unter völliger Wandlung seines Wesens krasseste Unterschiede in den daraus resultierenden Musiken.

Konrad Rennert
Interpret/innen

Radio Symphonieorchester Wien
Dirigent: Dennis Russel Davies

Termine
Location
Grazer Congress – Stefaniensaal
Konzert