Konzert

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06/10/2007 - 19:30

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...miramondo multiple

...miramondo multiple - für Trompete und Orchester

Im Schaffen der 1968 geborenen Österreicherin Olga Neuwirth ist die solistische Verwendung der Trompete sehr persönlich konnotiert. Dies hängt damit zusammen, dass sich die Komponistin bereits als Kind vom Klang dieses Instruments fasziniert zeigte: Seit ihrem siebenten Lebensjahr spielte sie Trompete und verfolgte das Ziel einer Karriere als Jazz-Trompeterin, was jedoch durch einen Autounfall zunichte gemacht wurde, infolge dessen sie im Alter von 15 Jahren eine schwere Kieferverletzung erlitt und das Trompetenspiel aufgeben musste. Aus dieser Perspektive betrachtet ist ... miramondo multiplo... für Trompete und Orchester als Hommage Neuwirths an „ihr" Instrument zu verstehen.
Darüber hinaus handelt es sich dabei jedoch auch - nach dem siebensätzigen locus... doublure... solus für Klavier und Orchester (2001) und dem einsätzigen Zefiro aleggia... nell'infinito für Fagott, Orchester und Zuspielband (2004) -um das dritte Werk einer Gruppe von Kompositionen, in deren Zentrum die Auseinandersetzung mit dem Aspekt des Konzertierens steht, also mit den vielfältigen Möglichkeiten einer wechselseitigen Beeinflussung von solistisch agierendem Instrument und Orchester sowie mit den aus diesen Vorgaben resultierenden musikalischen Prozessen und kompositorischen Strukturen. Klanglich liegt der Komposition eine Gegenüberstellung von Trompete und großer Orchesterbesetzung zugrunde. Diese Besetzung tritt zwar gelegentlich durchaus in klanglicher Massierung auf, wird jedoch weit häufiger in hoher klanglicher Differenzierung und unter Anwendung von bisweilen äußerst intimen kammermusikalischen Wirkungen eingesetzt. Die Details von Neuwirths Instrumentation verweisen darauf, dass das Verhältnis der beiden Klangkörper Solist und Orchester keineswegs das eines Wettbewerbs oder musikalischen Widerstreits ist, sondern eines, das unter dem Zeichen gegenseitigen Respektierens der jeweils charakteristischen musikalischen Farbmöglichkeiten steht. In gleichem Maße, wie die Komponistin die traditionelle Konzertform hinter ihrer eigenen formalen Konzeption verbirgt, treten daher „verschiedenartige Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gruppe, nicht auf Wettstreit, sondern auf Kooperation, Demokratisierung und genauem gemeinsamem Zuhören basierend" (Neuwirth) in den Vordergrund. Musikalische Anregungen werden beiderseitig im Kontext eines fruchtbaren Dialogs weiter getragen und untereinander ausgetauscht. Dass es um weit mehr als ein herkömmliches Solokonzert geht, zeigt zudem der Blick auf Titel und formale Disposition von . miramondo multiplo . : Der Werktitel bezieht sich auf einen Perspektivenreichtum („mulitplo") im Akt des Betrachtens der Welt („miramondo"), der von vornherein eine kaleidoskopartige Vielfalt von Welterfahrung einschließt und benennt damit eine Fülle von gleichsam fantasmagorisch aufscheinenden Augenblicken. Entsprechend vielfältig lässt sich der Verlauf der Komposition wahrnehmen, denn jeder der fünf Sätze ist durch eine eigenständige musikalische Atmosphäre charakterisiert. Die Stil- und Melodiezitate, die Neuwirth in das Wechselspiel von Solist und Orchester eingeflochten hat - sie stammen etwa aus eigenen Werken wie dem Musiktheater Lost Highway und aus Kompositionen Georg Friedrich Händels, zitieren aber auch den spezifischen Vortragsstil von Miles Davis - unterstützen zudem die Wahrnehmung der Musik als Abfolge assoziationsreich angelegter „Klangbilder", in deren Verlauf verwischte Erinnerungsbruchstücke auftauchen und wieder verschwinden.

Die gemeinsame Betitelung der Werkteile mit der Bezeichnung „aria" - nämlich aria dell'angelo, aria della memoria, aria dal sangue freddo, aria della pace und aria del piacere - ist hierbei nicht als Bezug auf ein konkretes Formmodell zu verstehen, sondern benennt viel grundlegendere Bedeutungen dieses Begriffes: die „Luft",die „Atmosphäre" sowie die „Melodie", die sich vor allem im englischen Sprachgebrauch als „Air" eingebürgert hat. Diese Begriffsfelder stehen denn auch stellvertretend für die Rolle des Soloinstruments, da sie auf die grundsätzlichen Aspekte des Vortrags verweisen: auf die für den Vorgang der Tonerzeugung essentielle Luft und auf die melodische Entfaltung jenes instrumentalen Gesangs, dem hier eine zentrale Rolle zukommt. Von diesen Grundlagen aus lässt sich ... miramondo multiplo... als Abfolge von fünf sehr unterschiedlichen „musikalischen Geschichten" auf der Basis kunstvoll ineinander verwobener Klangsituationen begreifen.

Stefan Drees

InterpretInnen: 

Olga Neuwirth, Komposition
Friedrich Cerha, Dirigent
William Forman, Trompete
RSO Wien