Violinkonzert /Haas

Violinkonzert /Haas - Konzert für Violine und Orchester (1998)

Halsbrecherisches am Anfang: Mit einem dreigestrichenen gis - gleich dem ersten Schritt der Seiltänzerin - markiert die Solovioline den Beginn der aktuellen Komposition von Georg Friedrich Haas, eines Violinkonzertes. Um die Gefahr des Absturzes zu bannen, stützt ein Akkord der Streicher den fragilen Klang der Violine. Der Akkord, aufgebaut auf Quinten und Tritoni wie so viele Akkorde der letzten Werke Haas', ist aber nicht einfach nur Fundament des Melodietones. Es ist jener imaginäre Klangraum, den der Komponist aus dem Ton der Solovioline heraushörte und nun auf das Orchester übertragen hat - ein kompositorischer Ansatz, der nicht auf die Erinnerung an melodische Abläufe hofft, sondern der dem faszinierenden Innenleben des Einzelklanges verfallen ist, ein Ansatz mithin, der oft als Widerpart zu „traditionellen Kompositionsverfahren" ins Feld geführt wird, obschon er selbst mittlerweile auf eine bald 40-jährige Tradition zurückblicken kann.

Die Linie des Solisten ist Ausgangs- wie einsamer Schlusspunkt des neuen Werkes. Das Orchester, groß besetzt für ein Violinkonzert (dreifache Bläser, große Streichergruppe), vertieft die Geigentöne, umfängt sie oder zerreibt sie zwischen ineinander verzahnten Akkord-Bändern. Haas folgt dabei einer gängigen Metaphorik des Solistenkonzertes, denn Linie und Raum stehen sich nicht wie Kategorien der Musiktheorie gegenüber, sondern sind Symbole für Einzelnes und Gesamtheit. Ton und Akkord nähern sich immer wieder an (Haas spricht von „solidarisieren"), doch die Partnerschaft währt nicht lange. Im Laufe der Komposition verhärten sich die einzelnen Klangflächen im Orchester, fügen sich gleich Ziegelsteinen aneinander, gegen die die Violine schon rein physisch (=dynamisch) vergeblich anrennt. Andernorts spielt sich die L Violine primadonnenhaft in den Vordergrund, wird Tonalität zitiert (ein Vokabular, mit dem Haas seit der Hölderlin-Oper Nacht von 1995/96 immer wieder arbeitet), doch die begleitenden Orchestergruppen sind rhythmisch nicht koordiniert. Die Akkorde verschärfen sich zu Attacken, die Attacken formieren sich zum Puls, der Puls marschiert mitostinatem Gleichmut, wenngleich in kompositorisch höchst artiizieller Inszenierung. (Gegen Ende verschnellert sich ei solches Ostinato bei gleichzeitiger Rücknahme der Lautstärke und wird dabei von einem anderen, langsamer pulsierenden Ostinato übertönt.)

In seinem bei Wien Modern '97 uraufgeführten Klavierkonzert galt die ganze Aufmerksamkeit des 1953 in Graz geborenen Komponisten Fragen des Materials, indem er dem temperierten Klavierspiel einen Streichersatz gegenüberstellte, der ausschließlich auf Flageolett-Tönen von leeren, für jedes Instrument anders gestimmten Saiten bestand. Die Dramaturgie seines Violinkonzertes wird von abstrakteren musikalischen Kategorien regiert: Textur, Gestik, Ereignisdichte. Gleichzeitig bekennt sich Haas, ausgehend von der Konzertform mit seiner Konfrontation von Solist und Orchester, zu einer Dramatisierung des Ablaufs, die einer Opernszene in nichts nachsieht. Eine Musik, deren expressive Qualität den sorgfältigst bestellten materialen Nährboden vergessen läßt - sie schwebt Haas derzeit als Idealbild vor.
 
 

Christoph Becher

InterpretInnen: 

Georg Friedrich Haas, Komposition
Friedrich Cerha, Dirigent
Ernst Kovacic, Violine
RSO Wien