Georg Friedrich Haas: Monolog für Graz

Georg Friedrich Haas

Das neue Stück von Georg Friedrich Haas Monolog für Graz wurde gestern Abend am 6.10.2018 beim musikprotokoll von ihm selbst als Sprecher und dem New Yorker Talea Ensemble uraufgeführt. Monolog für Graz ist Haas’ sehr persönliche und radikale Abrechnung mit der österreichischen Politik der Nachkriegszeit bis ins Heute. Hier finden Sie das Originalskript zu Monolog für Graz.

Monolog für Graz
Georg Friedrich Haas

Der Nationalsozialismus war in Österreich 1945 nicht zu Ende. Im Gegenteil. Er lebte weiter. Die Geschichtsforschung hat dieses Faktum bis jetzt aber weitgehend ignoriert. Dazu wären völlig neue Mittel und Methoden notwendig, denn die Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich nach 1950 ist schriftlos. Schriftlos wie die Steinzeit.

Offiziell war es ein Verbrechen, Naziparolen zu verbreiten. Das Verbotsgesetz stellte Wiederbetätigung unter Strafe. Inoffiziell aber buhlten ÖVP und SPÖ um die ehemaligen Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten – denn sie wussten, wer mehr Nazis auf seine Seite ziehen kann, gewinnt dadurch die Wahlen.

Zwar war es verboten, Naziparolen schriftlich zu formulieren, oder sie via Medien zu verbreiten. Diese Parolen privat zu äußern, wurde aber wohlwollend gestattet. Sie existierten und existieren als unterschwelliges Substrat in der Realität der österreichischen Gesellschaft, waren jedoch niemals Bestandteil eines öffentlichen Diskurses. Der widerwärtige Unsinn, der mit väterlicher Autorität in den Familien verbreitet wurde - oder mit alkoholischer Unterstützung an Stammtischen – wurde niemals öffentlich formuliert und daher auch niemals öffentlich bloßgestellt und widerlegt.

Die Nazis haben sich im Laufe der Jahrzehnte im Verbotsgesetz gemütlich eingerichtet: Sie benutzten und benutzen wechselnde Codes – keine Staatsanwaltschaft hat sich jemals bemüht, diese systematisch zu entziffern und ihre Verbreitung unter Anklage zu stellen. Ich z.B. habe schon als Nazikind gelernt, wie ich gefahrlos meine damalige sogenannte „Gesinnung“ in der Schule und unter Freunden verbreiten kann. Und die Nazi-Professoren am Gymnasium haben das wohlwollend honoriert. Ja, ab und zu gab und gibt es Verurteilungen. Aber wer das Verbrechen der Wiederbetätigung in einer Weise begeht, die rechtlich geahndet werden kann, ist entweder strohdumm oder legt es vorsätzlich auf Provokation an und will Märtyrer spielen.

Dieses Gesetz hat einen paradoxen, kontraproduktiven Nebeneffekt. Liberale, humanistisch denkende Menschen werden von Konservativen oft als „linkslinke Kommunisten“ angegriffen. Nach dem österreichischen Recht ist diese Formulierung als politische Meinungsäußerung zulässig. Wer aber zu einem Nazi sagt: „Du bist ein Nazi“ findet sich vor Gericht wieder und muss den Wahrheitsbeweis für seine Aussage erbringen. Und das ist meistens unmöglich. Denn die Nazis haben jahrzehntelange Erfahrung, sich zu tarnen.

Ich spreche hier nicht als Ankläger. Ich spreche als Zeuge. Ich bin in einer Nazifamilie aufgewachsen. Ich war Mitglied des Vereines Deutscher Studenten zu Graz, eine einer Burschenschaft vergleichbaren Organisation, ein Semester lang war ich sogar deren Vorsitzender (im skurrilen „Geheim“-Code dieser Vereine heißt das, ich war „x“, allerdings erfolglos: mir wurde die „Klammerung“, also „Dank und Anerkennung“ verweigert, weil ich mich in einer Stiftungsfestrede gegen die Zerstörung der zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten und für die Rechte der slowenischen Volksgruppe ausgesprochen hatte).

Verstöße gegen das Verbotsgesetz waren ein zentrales Element unseres Familienlebens. Wäre mein Vater jedes Mal, wenn er privat das Verbrechen der Wiederbetätigung beging, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, hätte sich die Summe seiner Haftstrafen auf etwa 10.000 Jahre belaufen. Er war kein Einzelfall. Es gab – und gibt – 100.000e derartiger Familien in Österreich.

Wenn in unserer Familien der Begriff „Freiheit“ verwendet wurde – sei es als Substantiv oder als Adjektiv „freiheitlich“  - war damit selbstverständlich nicht die Freiheit der Andersdenkenden gemeint, sondern unsere eigene „Freiheit“. Die „Freiheit“ unsere Nazigedanken ungehindert vom Verbotsgesetz propagieren zu dürfen. Die „Freiheit“, völkische, rassistische und antisemitische Parolen zu artikulieren, die „Freiheit“ den Nationalsozialismus generell zu verharmlosen und partiell zu verherrlichen, die „Freiheit“, den Holocaust zu leugnen und die „Freiheit“, sogenannte „Volksschädlinge“ zu bekämpfen.

Die Begriffe „Freiheit“ und „freiheitlich“ bedeuten für Menschen, die sich subjektiv durch das Verbotsgesetz in ihrer Freiheit beschränkt empfinden etwas grundsätzlich anderes als für diejenigen die froh sind, dass es ein Verbotsgesetz gibt.

Immer wieder sprach mein Vater vom „christlichen Abendland“, manchmal zynisch lächelnd sogar vom „christlich-jüdischen Abendland“. Auf seinem Grabstein steht aber – wie schon auf den Grabsteinen seiner Vorfahren - kein Kreuz, sondern der Zirkel seiner Studentenverbindung. Diese Organisation war Religionsersatz. War der Raum, wo sich Gleichgesinnte trafen, sich austauschen und sich gegenseitig bestätigen konnten. In vierter Generation meiner Familie war auch ich Mitglied dieses Vereines. „Schwarz-weiß-rot sind unsre Farben, Deutschtum, Freiheit, Wissenschaft.“ – so heißt es im Vereinslied, das regelmäßig gesungen wurde.

Freilich, einem „Verein deutscher Studenten zu Graz“ die Vereinsfarben schwarz-weiß-rot zu genehmigen, das war sogar der Grazer Vereinspolizei zu viel. Die Farben mussten daher offiziell geändert werden: in schwarz, silber, karmesinrosa. Bedauerlicherweise konnten diese Farben – selbstverständlich nur wegen ihrer Silbenzahl – und selbstverständlich nur aus musikalischen Gründen nicht ins Vereinslied übernommen werden. Und auch mit der Fahne war es schwierig. Das Silber verblasste leider und sah beinahe wie weiß aus. Und da es die Farbe „Karmesinrosa“ gar nicht gibt, sah man sich notgedrungen gezwungen, statt dessen irgendein rot zu wählen. Und zufällig – Zufälle gibt es eben! – stieß man auf ein rot, dass eine fatale Ähnlichkeit mit dem roten Farbton der Hakenkreuzfahnen der Nazis hatte. Diese schwarz-weiß-rote – nein, Verzeihung! - schwarz, silber, karmesinrosa Fahne hängt nun regelmäßig aus dem Haus Gartengasse 18 in Graz. (Ironie off)

So tun sie es. Ungehindert. Ungestraft.

Ich erinnere mich, immer wieder in den Gesprächen in der Familie – aber auch im Verein deutscher Studenten – redeten wir über das generelle politische Klima. Dass der Zeitgeist – damals, in den 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - sehr weit links stehe. Und dass das Pendel irgendwann, in ferner Zukunft wieder nach rechts ausschlagen würde. „Das nächste Mal“ – immer wieder hörte ich diesen Satz – „das nächste Mal machen wir es besser.“

Ja, sie machen es besser. Nein, sie bauen keine Mordfabriken mehr, in denen sie Menschen planmäßig in großer Zahl industriell töten. Heute begnügen sie sich damit, die Menschen einfach im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Sie müssen jetzt auch keine Krematorien mehr bauen, um die Leichen zu verbrennen. Die meisten Toten verschwinden ja von selbst im Meer. Und sie brauchen die Menschen nicht mehr vor aller Augen unter grauenvollen Umständen in Eisenbahnwagen durch Europa zu karren – heute organisieren sich die Opfer ihren Transport selbst.

Es ist kein Mord mehr. Nur mehr Tötung durch unterlassene Hilfeleistung.

Es ist kein Massenmord mehr. Nur mehr Massentötung durch massenhaft unterlassene Hilfeleistungen.

Wenn eine betrunkenen Touristin ins Wasser fällt, sucht man sie 10 Stunden lang, bis sie gerettet wird. Das ist gut so. Aber hätte diese Frau eine andere Hautfarbe gehabt und wäre sie 1000 km weiter südlich ins Wasser gefallen – nicht von einem Kreuzschiff, sondern von einem überfüllten Schlauchboot – niemand hätte ihr geholfen. Nicht einmal, wenn ein vorbeifahrendes Boot sie zufällig gesehen hätte, wie sie verzweifelt im Wasser um ihr Leben kämpft.

Heute wird wieder - wie damals - ein Unterschied gemacht zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben, wie damals aus religiösen und sogenannten „rassischen“ Gründen. Wie damals werden die Helfer kriminalisiert.

Aber: Diesmal machen es besser. Sie bauen keine Konzentrationslager mehr, in die sie die Helfer und Helferinnen stecken. Sie begnügen sich damit, Existenzen zu ruinieren. Anfangs beschlagnahmten sie den Fischern als Strafe für das Retten von Menschenleben ihre Boote. Jetzt hängen sie den Lebensrettern langwierige Prozesse an den Hals.

Um Angst und Schrecken zu verbreiten, muss man nicht unbedingt KZs bauen. Es geht auch anders.

Ja, das nächste Mal machen sie es besser. Sie veranstalten keine Wahlen mehr, die zu einem Ergebnis von 99.7% führen. Die einfache Mehrheit – wie auch immer zustande gekommen sein mag – genügt ihnen. Ein bisschen helfen sie nach, indem sie Südtirolerinnen und Südtirolern, von denen sie sich Unterstützung erhoffen, die österreichische Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht anbieten. Und umgekehrt versuchen sie, ein paar Tausend Menschen mit Migrationshintergrund, von denen sie annehmen können, dass sie von ihnen nicht gewählt werden, die Staatsbürgerschaft – und damit das Wahlrecht – wegzunehmen. Zufällig werden da die 50.000 Stimmen zusammenkommen, die bei der letzten Bundespräsidentenwahl gefehlt haben. Zufälle gibt es eben.

Ihre Methode lautet: Tue etwas Schlimmes. Danach tue etwas noch Schlimmeres. Und das vorangegangene Schlimme ist vergessen.

Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass die Polizei in rechtsextremen Publikationen inseriert hat. Viele befürchteten, die Polizei würde ihren Nachwuchs in diesen Kreisen lukrieren - und protestierten dagegen. Daraufhin wurde ein Lehrling verleumdet, der offiziell vom Bundespräsidenten besucht worden war. Kaum stellten sich Menschen hinter den jungen Mann, wurde vorgeschlagen, in Nordafrika einen Krieg zu führen. Nicht immer funktioniert diese Methode: Die Forderung, in niederösterreichischen Tierheimen nur mehr Hunde ohne Migrationshintergrund aufzunehmen, war dann doch zu lächerlich, um öffentlich überhaupt wahrgenommen zu werden.

Dafür brauchten SIE den nächsten Skandal, der die vorangegangen vergessen machen sollte, nicht einmal selbst zu inszenieren: In einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss wurde bekannt, dass der Polizei bei einer Hausdurchsuchung die geheimen Informationen in die Hände gefallen sind, mit denen das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorbekämpfung genau jene rechtsextremen Organisationen überwachte, in deren Publikationen eben diese Polizei gerade inseriert hatte.

Wäre ich ein Informant, der diesem Bundesamt vertrauliche Informationen über rechtsextreme Umtriebe zugespielt hat – ich hätte jetzt panische Angst. In Zukunft wird jeder Mensch in Österreich es sich dreimal überlegen, ob er sein Wissen über kriminelle rechtsextreme Aktivitäten an die Behörden weiterleitet.

Dass – als Nebenwirkung - durch diese sogenannte „Hausdurchsuchung“ Österreich vom internationalen Terrorschutz teilweise abgeschnitten wurde, ist offensichtlich als Kollateralschaden in Kauf genommen worden.

Denn wer ein echter Nazi ist, dem käme ein islamischer Terroranschlag nicht ungelegen –vergleichbar dem Reichstagsbrand im Februar 1933. Das würde die Stimmung in Österreich weiter nach rechts rücken.

Die Methode; Schlimmes durch Schlimmeres zu übertünchen ging weiter.

In Stichworten die Geschehnisse der letzten 6 Wochen:
- Hausarrest für Asylwerber

- Nominierung eines Mannes mit engem Kontakt zu mehrfach vorbestraftem rechtsextremen Wiederholungstäter für ein Höchstgericht

- öffentliche Solidarisierung mit dem ungarischen Autokraten Viktor Orban.

- Die Krankenkassen, eine der Säulen des österreichischen Sozialsystems, werden -  ohne jede Diskussion und unter öffentlicher Demütigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - auf dem Verordnungsweg „reformiert“.  Die Opposition und der Presserat bewiesen, dass die dabei vorsätzlich mit Unwahrheiten operiert wurde.

- es wird bekannt, dass der Ehemann der ehemaligen Chefsekretärin des österreichischen Vizekanzlers Vorsitzender des Personenkomitees „Soldaten sagen nein zu Jägerstätters Seligsprechung“ war.

- Notpflegefamilien wird das Kinderbetreuungsgeld gestrichen.

- es wird vorgeschlagen, die Asylverfahren noch auf jenen Schiffen durchzuführen, die die Menschen aufgenommen haben. Zynischerweise wird das damit begründet, dass diese Schiffe während dieser Verfahren vor Anker lägen und deshalb weniger Zeit hätten, frei umherzufahren und Menschenleben zu retten.

- Nachdem eine sogenannte „wilde Abgeordnete“ dem Innenminister im BVT-Untersuchungsausschuss unangenehme Fragen gestellt hat, schlägt seine Partei Gehaltskürzungen für „wilde Abgeordnete“ vor.

- FPÖ-Lokalpolitiker verbreiten den Nazi-Satz „Schütze deine Rasse!“

- Das Innenministerium verlangt direkten Zugriff auf sämtliche öffentliche Kameras in Österreich.

- Der Bundeskanzler verkündigt stolz: „Vor drei Jahren sind meine Gedanken noch als rechtsradikal verurteilt worden, jetzt werden sie immer mehr unterstützt.“

- 2 Schülerinnen fühlen sich im vorgesehenen Klassenverband nicht wohl und wechseln die Schule am ersten Schultag. Die Partei des Vizekanzlers macht daraus ein „Mobbing gegen Inländer“, das in den Medien breitgetreten wird.

- Das Innenministerium versucht, kritische Medien durch Informationsentzug mundtot zu machen.

- Im Windschatten dieser Zensurausübung entgeht der Öffentlichkeit, dass in dieser Weisung auch verbrämt gefordert wird, über Sexualdelikte nur dann zu berichten, wenn die Täter Migrationshintergrund haben – und diesen Migrationshintergrund deutlich hervorzuheben.

- Ebenfalls im Windschatten dieser Zensurausübung entgeht der Öffentlichkeit, dass eine private Fernsehanstalt plant, ihre Berichte über Polizeiarbeit dem Ministerium vor der Sendung zur Genehmigung vorzulegen.

- Der Vizekanzler enthüllt ein Denkmal über die sogenannten „Trümmerfrauen“. Es sieht aus, als wäre es von einem ungeschickten Nazibildhauer gemacht worden und huldigt einer Geschichtslüge. Die Jahre 1943 bis 1954 werden bruchlos als Einheit genannt.

- Jahrzehnte der Schulreform werden per Erlass vernichtet: Die repressiven Methoden der Ziffernbenotung und der Drohung des „Sitzenbleibens“ kehren in die Volksschulen zurück.

Die Behauptung, damals, während der Zeit des Holocausts, hätte „niemand davon gewusst“, ist unwahr. Zwar wussten nur ganz wenige, dass der Ort Auschwitz hieß und dass die Menschen dort mit Zyklon B ermordet wurden. Aber alle wussten – alle! – dass sich ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger auf einem Weg befanden, an dessen Ende sie sich zwangsläufig in Luft auflösen mussten.

Wer damals eine Gruppe dieser verzweifelten, einer grausigen Zukunft gewissen Menschen sah, wird wohl da und dort ein Gefühl des Mitleids, ein Gefühl des Entsetzens empfunden haben. Aber dazu kam bei vielen ein zweites Gefühl: Das, auf der Gewinnerseite zu stehen. Zuzusehen, wie andere Menschen - „Untermenschen“ sagte man damals – in ein Verderben geschickt wurden, vor dem man selbst durch den sogenannten „Ahnenpass“ bewahrt war.

Heute sieht man zu, wie Menschen in ein Verderben geschickt werden, vor dem man selbst durch den EU-Pass bewahrt ist. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Insbesondere, wenn man ansonsten im Leben wenig Anlass für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein findet.

Einer der Gründe, warum so viele Leute vom Nationalsozialismus fasziniert waren, ist, was mir mein Nazi-Vater als „das Führerprinzip“ erklärte. Ganz oben, am Anfang, - so sagte mein Nazi-Vater - steht DER Führer. Er ernennt Unter-Führer für bestimmte Spezialgebiete, die ihrerseits wiederum Unter-Unter-Führer für bestimmte Spezialgebiete ernennen. Und so weiter. Jeder dieser „Unter-Unter-Unter-...Führer“ ist niemandem außer sich selbst für die Details seiner Handlungen verantwortlich. Diese – sagen wir - partielle Allmacht wirkte wie eine Droge.  Man war bereit, sich selbst „führen“ zu lassen, wenn man später dafür als Ausgleich selbst andere Menschen „führen“ durfte. Das Nonplusultra dieser Droge war, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen.

Ein österreichischer Beamter, der heute einen Asylwerber zurückschickt in sein Herkunftsland, weiß,  was er diesem Menschen antut. Da ist zunächst die psychische Folter, binnen weniger Stunden im Flugzeug einen Weg zurücklegen zu müssen, den man unter größten Entsagungen und unter ständiger Lebensgefahr, monatelang in Gegenrichtung gegangen ist, dabei nicht nur die eigenen Ersparnisse aufbrauchend, sondern auch die von Familienmitgliedern und Freunden. Um dann nach der psychischen Folter einer physischen ausgesetzt zu sein – oft mit tödlichem Ende - , wenn man noch am Flughafen den Organen jener Polizei ausgeliefert wird, vor der man vor Monaten geflohen ist.

Der Beamte aber sitzt da in seiner partiellen Allmacht. Herrn A schickt er in die Hölle. Frau B lässt er noch ein wenig zappeln. Herr C erhält von ihm die Gnade, in Österreich bleiben zu dürfen. Laut Aussage von Hilfsorganisationen sind 42% aller negativen Bescheide rechtlich falsch. Ein derartig hoher Prozentsatz von Fehlurteilen passiert nicht aus Versehen.

Diese Droge berauscht nicht nur diejenigen, die unmittelbar die Entscheidungen treffen. Sie berauscht auch diejenigen, die diese Strukturen ermöglichen und unterstützen. Wenn Rechtsextreme in Sprechchören „Absaufen! Absaufen!“ brüllen, berauschen sie sich an der Tatsache, dass ihre Gewaltphantasien durch die EU zur Realität werden. Wer sein Kreuz in der Wahlzelle bei einer ausländerfeindlichen Partei macht, berauscht sich an der Tatsache, dass als Folge seines Stimmverhaltens Asylsuchende in den Tod geschickt werden.

Die Geschichte des zweiten Weltkriegs lehrt uns, welch hohen Preis man bereit sein kann, für diese Droge zu zahlen. Die Eisenbahnzüge nach Auschwitz fuhren bis zur Befreiung durch die rote Armee. Es war den Nazis wichtiger, Menschen in die Gaskammern zu transportieren, als ihre eigenen Soldaten mit militärischem Nachschub zu versorgen.

Auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ brüllten die Massen: „Ja!“. Wohl wissend, dass jeder einzelne und jede einzelne von ihnen sich dem Risiko aussetzte,  als Folge dieses totalen Krieges demnächst lebendig zu verbrennen, oder langsam, qualvoll zu sterben, schwerverletzt begraben in den Trümmern eines zerbombten Hauses. Sie nahmen diese Risiken in Kauf, weil sie ihnen ermöglichten, ein paar Tage länger sogenannte „Herrenmenschen“ zu sein und genüsslich zusehen zu können, wie die sogenannten „Untermenschen“ in Zwangsarbeit und Tod geschickt wurden.

In abgeschwächter Form kann man dieses Phänomen heute in den USA beobachten. Donald Trump  nahm vielen Menschen, die ihn gewählt haben, ihre Krankenversicherung weg. Sie werden ihn trotzdem wieder wählen. Weil er die Ausländer bekämpft. Und die Linken.

Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu rührend an, wenn die österreichische Sozialdemokratie glaubt, erfolgreich sein zu können, indem sie nachweist, wie sehr  die derzeitige Regierung die materiellen Interessen jener Arbeiter und Arbeiterinnen ignoriert, von denen sie gewählt wurden. Die Regierung dagegen weiß: Für das Vergnügen, „Ausländer“ piesacken zu lassen und ihnen Existenzängste zu bereiten, wären ihre Wählerinnen und Wähler bereit, noch viel höhere Preise zu zahlen als bloß den Verzicht auf ein paar Überstundenzuschläge.

Ich gerate allmählich in jene Jahre, wo man als alter Mann den jüngeren Generationen erzählt, wie es früher einmal war. Und ich beginne, längerfristige, Entwicklungen in Einem zu überblicken.

Durch die letzten Jahrzehnte zieht sich in Österreich das Schlagwort vom „Privilegienabbau“.

Ich erinnere mich, in den 80iger Jahren, wurden Beamtenstellen reduziert. Davor gab es auch D und E-Beamte, Menschen, die vergleichsweise einfache Hilfsdienste leisteten und dafür ein sehr geringes, aber gesichertes staatliches Einkommen  bekamen. Man spottete über die „pragmatisierten Putzfrauen“. Damals war ich in der Beamtengewerkschaft aktiv. Ich fragte nach, wie viel sich der Staat durch diesen Stellenabbau erspare. Die Antwort war: „Nichts. Im Gegenteil. Es wird teurer. Aber man kann der Öffentlichkeit den Stellenabbau als Sparmaßnahme verkaufen.“ – „Und warum bleibt die Gewerkschaft hier untätig?“ – „Es ist nicht unsere Aufgabe. Wir vertreten nur unsere Mitglieder. Und die sind davon ja nicht betroffen, denn die bestehenden Verträge bleiben unangetastet.“

Dann wurden die Privilegien der Bahnbediensteten abgeschafft.

Und die Privilegien der Postbeamten.

Die Kammern wurden durchforstet. Die verstaatlichte Industrie privatisiert.

Die Privilegien der Spitalsärzte und -ärztinnen wurden abgeschafft – nein, nicht die der Primarien, in bestehende Verträge wird ja nicht eingegriffen. Aber die Jungärzte und –ärztinnen arbeiten jetzt unterbezahlt.

Lehrerinnen und Lehrer verloren das Privileg, Staatsbeamte zu sein.

Elisabeth Gehrer zerstörte die Universitäten – mit Erfolg: im Jahr 2000 waren die Universitäten das Zentrum des geistigen Widerstandes – heute schweigen sie.

Vor kurzem mussten die Angestellten der Bank Austria dran glauben.

Derzeit sind wieder einmal die Versicherungen dran. Und – in der Diskussion über Uber - die Taxifahrer und Taxifahrerinnen.

Es wird so weitergehen. Irgendwann trifft es jede traditionelle Berufsgruppe.

Das Ganze ist eine gigantische Umverteilung von unten nach oben. Die Menschen, die heute die Arbeiten der früheren D- und E-Beamten durchführen, bekommen noch weniger bezahlt als ihre pragmatisierten Vorgängerinnen und Vorgänger. Zusätzlich haben sie keinerlei soziale Sicherheit mehr. Die Gewinne gehen in Privatfirmen – wer immer diese besitzen mag.

In den Konzernen sind Manager am Werk, die „rationalisieren“, d.h. im Klartext: Sie nehmen einigen ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen den Job weg. Als Nebeneffekt spornt das selbstverständlich die Arbeitswilligkeit jener an, die gnadenweise ihren Arbeitsplatz behalten dürfen. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust prägt die Betriebsklimata. Sich selbst genehmigen diese Manager aber astronomisch hohe Gagen. Nicht nur bei der Deutschen Bank und bei VW. In kleinerem Maße geschieht das auch – z.B. – hier im ORF.

Als ich ein Kind war – in den Vorarlberger Alpen, in Latschau, gab es dort ein kleines Sägewerk, das von einem vorbeifließenden Bach betrieben wurde, ein Familienbetrieb. Unten im Tal lebten Tischler, ebenfalls Kleinbetriebe, die Möbel aus diesen Brettern herstellten, die dann für Generationen halten sollten. Das Geld, das dafür im Umlauf war, blieb im Ort. Die Steuern zahlten sie – sofern sie sie nicht hinterzogen – in der lokalen Gemeinde.

Wer heute Möbel kauft, geht zu einem Großkonzern. Die Haltbarkeit dieser Möbel ist beschränkt, hergestellt werden sie unter desaströsen Arbeitsbedingungen irgendwo weit weg, dann werden sie über den halben Planeten verschifft. Die Gewinne werden vom Konzern irgendwohin transferiert. Die Steuern aber werden nicht mehr hinterzogen, sondern ordnungsgemäß in einer Schweizer Kleinstadt pauschal abgeführt. Zu wesentlich günstigeren Bedingungen als es auch der cleverste Vorarlberger Steuerhinterzieher jemals geschafft hätte.

Vergleichbares ist in den meisten Lebensbereichen geschehen.

Zum Beispiel hat der Internetversand einen Monopolbetrieb entstehen lassen – der seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekanntermaßen miserabel behandelt. Als global aktiver Konzern ist er eine überlegene Konkurrenz für Kleinverkäufer. Sogar deren Beratung, deren Fachwissen ist wertlos geworden, denn man kann sich diese Informationen ja selbst über Google holen. Oder zumindest glaubt man, sich diese Informationen selbst über Google holen zu können.

Und so weiter.

Immer mehr qualifizierte Arbeitsplätze verschwinden. Immer mehr unqualifizierte, austauschbare und schlecht bezahlte Arbeitsplätze werden angeboten. Meine Generation hat größtenteils ihre Schäfchen noch ins Trockene gebracht. Für unsere Kinder, für unsere Enkel wird es immer schwieriger, einen sinnerfüllten und sicheren Arbeitsplatz zu finden.

Noch vor 20 Jahren war der Erwerb einer Eigentumswohnung oder der Bau eines eigenen Hauses für beinahe alle, die in Österreich in den Arbeitsprozess integriert waren, eine realistische Möglichkeit. Heute kann sich das kaum mehr jemand leisten. Offensichtlich sind meisten Menschen ärmer geworden, viel ärmer. Einige wenige aber wurden reicher. Viel reicher.

Das Mietrecht wurde renoviert. Es ging darum, die Privilegien der Altmieter abzubauen. Mieterhöhungen und Kündigungen wurden erleichtert, ebenso die Erstellung von befristeten Verträgen. Umgekehrt wurde der Besitz von Wohnraum – und seine Vermietung - lukrativer. Statistisch steigen die Mietkosten überproportional. In den letzten fünf Jahren um 20%.

 Der Prozentsatz von Menschen, die über einen gesicherten Arbeitsplatz verfügen, die über einen gesicherten Wohnraum verfügen, wurde und wird langsam, aber konsequent kleiner. Das bedeutet – summarisch gesehen – einen erschreckenden Verlust an Lebensqualität in der Gesellschaft. Die Menschen verlieren ihre Würde.

Und an der Wand stehen die großen Menetekel. Facebook, Twitter und Google verfügen über eine Informationsmenge an persönlichen Daten, die kein Geheimdienst in der Vergangenheit auch nur annähernd erreichen konnte. Als Privatbetriebe können die Firmen damit mehr oder weniger tun und lassen, was sie wollen.

Nestlé greift weltweit nach dem Trinkwasser, Monsanto nach dem Saatgut.

Der Klimawandel ist spätestens seit diesem Jahr für alle eine persönlich spürbare Realität und Bedrohung geworden.

Dass es zudem auch noch Atombomben gibt, haben wir schon fast vergessen. Zum ersten Mal in der Geschichte, ist der Weltuntergang von Menschenhand realisierbar. Wer Zugang zum roten Knopf hat, kann den Tag des jüngsten Gerichts selbst festlegen. Und die Erde ins Nirwana bomben.

In diese Welt der ungreifbaren, anonymen Gewalten, denen man hilflos ausgeliefert ist, tritt nun das Thema „Ausländer“. Hier findet man, worauf man so lange gewartet hat: Endlich kann man die Bedrohung personalisieren. Endlich findet man konkrete, reale Menschen, die man zu Sündenböcken machen kann. Hier kann sich eine konservative Regierung unter dem Beifall ihrer Wählerinnen und Wähler leisten, Härte zu zeigen. Und während alle gebannt auf das Spektakel der „Ausländerfrage“ starren, gehen die unseligen gesellschaftlichen Prozesse ungestört weiter.

Die Wirtschaftskrisen in Deutschland und Österreich der 30iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren das Substrat, auf dem der Nazismus wachsen konnte. Ich fürchte, die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte bilden ein vergleichbares Substrat.

Aber etwas ist grundsätzlich unterschiedlich.

Damals, in den 30iger Jahren, hatten Teile der deutschen Industrie ein wirtschaftliches Interesse an der Politik der NSDAP und förderten sie deshalb. Heute sind weder amazon noch IKEA, nicht einmal Stronach oder Haselsteiner an den Nazis interessiert.  Im Gegenteil.

Da gibt es etwas anderes. Man muss genau hinschauen, um es erkennen zu können.

Die Droge, Menschen in partieller Allmacht in den Tod zu schicken, hat – wie alle Drogen – Nebenwirkungen. Diese Nebenwirkungen lauten: Schuld. Und Schuldgefühle.

Ich sehe noch den Gesichtsausdruck meines Vaters, in den wenigen Momenten, als die Fassade ein wenig abbröckelte, wie er in die Ecke starrte. In einem Fall konnte ich rekonstruieren, was er getan hatte. In anderen Fällen nahm er die Geheimnisse mi ins Grab. Wie sein Bruder wurde er von Alpträumen geplagt, in denen ihn seine Vergangenheit heimsuchte. Und er hatte panische Angst vor dem, was nach seinem Tod auf ihn zukommen würde.

Man musste den Tätern sehr nahe sein, um ihre Schuldgefühle überhaupt wahrnehmen zu können. Sie haben gut gelernt, ihre Emotionen zu verbergen.

Ich bin davon überzeugt, dass sie sich nicht einmal mit ihren Gesinnungsbrüdern über ihre Untaten austauschen konnten. Zu sehr waren sie bemüht, ihre verlogene Fassade von „Anstand“ und “Heldentum“ zu wahren.

Viele bemühten sich aufrichtig, nach dem Krieg „anständige Menschen“ zu sein. In der Hoffnung, dass das grenzenlos Unanständige, das sie verbrochen haben, dadurch übertüncht würde. Mein Vater war in einem korruptionsanfälligen Bereich tätig, Hochbau in einem halböffentlichen  Unternehmen. Er hat sich äußerst korrekt verhalten. Dafür wurde er allgemein geschätzt. Er wurde sogar in den Gemeinderat von Tschagguns gewählt, nicht obwohl, sondern weil alle im Dorf wussten, dass er sich selbst als einen seiner sogenannten „Gesinnung“ treu gebliebenen Nationalsozialisten definierte.

Österreich war und ist von einem Netzwerk von Nazis durchzogen. Für den Zeitraum von etwa 1960 bis ca. 1980 kann ich das bezeugen. Für die Zeit danach kann ich es sehen – mit familiär bedingt geschärftem Blick.  Meine Nazi-Onkel- und Tanten, die Nazifreunde meiner Familie waren – wie mein Vater – mittlere oder leitende Angestellte im öffentlichen oder halböffentlichen Bereich, sie waren Lehrerinnen und Universitätsprofessoren, sie dominierten das kulturelle Leben als meinungsbildender Teil im Publikum von Opernhäusern und Musikvereinen.

Viele traten pro Forma einer der beiden Großparteien bei. Einer meiner Onkel war bei der ÖVP (er war höherer Landesbeamter in einem „schwarzen“ Bundesland) ein anderer war bei der SPÖ (er war leitender Angestellter in einem „roten“ Betrieb). Ihre Weltanschauung unterschied sich nicht im Geringsten. Beide waren Nazis bis auf die Knochen.

Diese Unterwanderung der Parteien hatte aber einen wichtigen Nebeneffekt. Dadurch, dass in der ÖVP und in der SPÖ die gleichen Nazis saßen, konnten diese Parteien jahrzehntelang bestens zusammenarbeiten. Später haben diese Nazis offensichtlich eine andere politische Heimat gefunden - und die große Koalition zerbrach, weil ihr der Klebstoff abhanden gekommen war.

Es gab und gibt eine Parallelgesellschaft in Österreich. Die Parallelgesellschaft der geheimen Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten. Mitglieder dieser Parallelgesellschaft übernahmen und übernehmen konsequent Schlüsselpositionen im Staat. Die Grundlagen ihrer sogenannten „Gesinnung“ durften und dürfen sie wegen des Verbotsgesetzes nicht öffentlich äußern. Sie gaben und geben ihre Gedanken daher mündlich weiter. Hinter vorgehaltener Hand. So, dass Außenstehende es nicht merken. Nicht nachweisen können. Paradoxerweise unterstützt das Verbotsgesetz indirekt die Verbreitung dieser Grundlagen. Es wirkt wie eine Glasglocke, die diese Grundlagen vor einer öffentlichen Diskussion schützt und würzt sie mit dem Reiz des Verbotenen. Denn bei Tageslicht betrachtet, würden diese widerwärtigen Thesen in Staub zerfallen wie ein Vampir in der Sonne.

Als Kind und als Jugendlicher wurde auch ich von diesen Thesen indoktriniert.

So wurde mir z.B. erklärt, es seien nicht 6 Millionen, sondern nur 4 oder nur 2 Millionen gewesen. Aber selbst, wenn dies stimmen würde (es stimmt nicht) – wie krank muss man sein, um darüber glücklich sein zu können, dass man „nur“ für den Tod von 2 oder 4 Millionen Menschen verantwortlich ist?

Es wurde mir erklärt, die Gaskammern hätten niemals existiert. Aber selbst, wenn dies stimmen würde (es stimmt nicht) – wie krank muss man sein, um darüber glücklich sein zu können, dass die Menschen anstatt in Gaskammern ermordet zu werden,  „nur“ auf Erschöpfungsmärschen erschossen wurden oder „nur“ in Steinbrüchen zu Tode stürzten oder „nur“ in Viehwagons verdursteten?

Es wurde mir erklärt, auch die Deutschen seien Opfer von Kriegsgräueln. Sie sprachen z.B.  über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, die Bombardierung von Dresden. Dies sei im Prinzip gleich schlimm wie das, was die Nazis getan hatten. Und das würde sich ausgleichen. Aber selbst, wenn dies stimmen würde (es stimmt nicht) – wie krank muss man sein, um zu glauben, ein Verbrechen würde dadurch entkriminalisiert, dass auch Andere Verbrechen begangen haben?

Es wurde mir erklärt, der Nationalsozialismus hätte auch seine guten Seiten gehabt, allerdings, ohne diese sogenannten „guten Seiten“ präzise beschreiben zu können. Aber selbst, wenn man alles wegließe, was meine Nazieltern und Nazigroßeltern  schönredeten - wie krank muss man sein, um dieses System einer totalen Kontrolle, einer konsequenten Massenhysterie, mit der Pyramide der partiell Allmächtigen, mit einer Folterpolizei, mit Konzentrationslagern ... auch nur ansatzweise für für gut zu befinden?

Diese Krankheit hat einen Namen. Er lautet „Schuldgefühl“.

Nur, wer von massiven Schuldgefühlen gequält ist, ist imstande, einen derartigen entsetzlichen Unsinn zu verbreiten. In der verzweifelten Hoffnung, diese quälenden Schuldgefühle dadurch zu betäuben.

„Es ist schon so lange her. Lasst die Vergangenheit ruhen!“ Dieser Wunsch der Nazis wird nicht in Erfüllung gehen. Die Hexenprozesse sind schon viel länger vergangenen. Trotzdem erinnern wir uns immer noch an sie. Weil in ihnen das übliche Maß an Gräueln, an das wir uns nolens volens gewöhnt haben, substantiell überschritten wurde.

Genauso werden sich unsere Nachfahren noch in 500 Jahren an die Nazis erinnern.

SIE wissen das. Die Vergangenheit mit all dem, was ihre Vorgänger verbrochen haben, können sie nicht mehr ändern. Aber sie können es ein zweites Mal versuchen. Und diesmal – so nehmen sie sich vor – diesmal werden sie es besser machen. In der Hoffnung, die Geschichte dadurch zu überschreiben.

Ihre Hoffnung wir nicht in Erfüllung gehen. Kann nicht in Erfüllung gehen. Denn Nationalsozialismus ist keine Ideologie, sondern ein Verbrechen. Sie können es nur anders machen, nicht besser. Sie machen es anders. Sie tun es bereits. Es ist 5 nach 12.

Tragischerweise sind die politischen Alternativen korrumpiert, sie sind unglaubwürdig geworden.

Die ÖVP, eine ehemals christlich demokratische Partei, hat ihr Christentum anlässlich der letzten Regierungsbildung endgültig abgegeben.

Der rechte Flügel der Sozialdemokratie wurde VW-Direktor in Südamerika, der linke Flügel Aufsichtsrat bei Siemens.

Und wer unter den Expolitikerinnen und Expolitikern bei diesen Verteilungen leer ausging, verscherbelte sich selbst an den Meistbietenden. Selbst wenn es sich dabei um einen Glückspielkonzern oder um einen postkommunistischen Diktator handeln sollte.

Verbreitet existiert der Eindruck, sie alle, die Schwarzen, die Roten, die Grünen hätten ihre Weltanschauung, ihre Grundsätze verraten. Dagegen behielten diejenigen, die es das nächste Mal besser machen wollen, konsequent das Ziel bei, ihre Schuld überschreiben zu wollen. Sie sind die einzigen, die ihren sogenannten Idealen treu geblieben sind. Es ist schrecklich – dieser sogenannte „Idealismus“ beeindruckt viele Menschen in Österreich.

Vielleicht fehlt mir der Überblick, aber ich sehe keine politische Strömung, die sich ernsthaft bemüht, die Umverteilung von unten nach oben in die Gegenrichtig zu lenken. Die sich ernsthaft bemüht, die Steuerflucht zu stoppen. Ich sehe keine politische Strömung, die sich ernsthaft um die Interessen der jüngeren und nachkommenden Generationen bemüht.

Ich sehe keine politische Strömung, die das Menschenrecht auf Arbeit – und zwar auf sinnerfüllte Arbeit – artikuliert. Ich sehe keine politische Strömung, die das Menschenrecht auf Wohnraum – und zwar auf lebenswerten Wohnraum – artikuliert. Ich sehe keine politische Strömung, die das Menschenrecht auf Bildung – auch und insbesondere für Kinder aus Nazifamilien und für Kinder aus fundamentalistisch religiösen Familien, mögen diese nun katholisch, islamisch oder protestantisch sein - artikuliert.

Zusammengefasst: Ich vermisse humanistische Utopien. Vielleicht gibt es sie. Falls ja: Ich möchte sie sehen. Hören. Ich verspreche, ich will und werde sie verbreiten.

Es schmerzt mich, dass ich derzeit im öffentlichen Diskurs nur inhumane Utopien wahrnehmen kann.

Die grausige Utopie der Spaltung der Gesellschaft. Die grausige Utopie der Desolidarisierung. Die grausige Utopie der Verfolgung von Minderheiten. Die grausige Utopie eines „rein deutschen“ Österreich. Wobei sich der – konkret so nie ausgesprochene, aber augenzwinkert gemeinte - Begriff „rein deutsch“ nicht nur auf die Umgangssprache bezieht, sondern auch auf die Hautfarbe.

Das aufgebauschte Bedrohungsszenario durch die „Ausländer“, in das unbewusst die vielen anderen Bedrohungen hineinprojiziert werden, wird möglicherweise zu einem Spielplatz, auf dem alle diese grausigen Utopien vorexerziert werden können. Das macht Angst.

Das Problem sind nicht die Nazis an sich. Die gibt es schon seit 90 Jahren und die wird es noch ein paar Jahrzehnte lang geben. Sie waren und sind eine kleine Minderheit.

Das Problem ist, dass diese Minderheit die Möglichkeit bekommt, wieder die Macht zu ergreifen.

Ich bin Komponist, nicht Politiker. Ich kann nur meine Sehnsucht nach gesellschaftlichen Utopien formulieren. Nicht aber die gesellschaftlichen Utopien selbst.

Ich wiederhole: Nur meine Sehnsucht nach gesellschaftlichen Utopien. Nicht aber die gesellschaftlichen Utopien selbst.

Auf Grund meiner persönlichen Biographie halte ich mich aber für einen Spezialisten für Utopien.

Ich trug in mir und ich trage in mir die Utopie einer neuen Musik, die ausdrucksstark und wohlklingend ist. Und zwar nicht OBWOHL, sondern WEIL sie neu ist.

Ich weiß nicht, ob ich diese Utopie jemals perfekt realisieren kann. Aber auf dem Weg, mich um diese Realisierung zu bemühen habe ich Musik geschaffen, die mich persönlich glücklich macht. Und – mehr noch – wo ich die unbeschreibliche Freude erleben darf, sie mit anderen Menschen teilen zu dürfen, denen meine Musik viel bedeutet.

Es war nicht immer leicht für mich. Vor etwa 40 Jahren saß ich einsam in der Lessingstraße in Graz vor zwei im Vierteltonabstand gestimmten Klavieren. Vor genau 30 Jahren durfte ich das Programm eines Musikprotokolls gestalten. Bis heute gilt es als absoluter Tiefpunkt. Die Schlagzeile der „Kleinen Zeitung“ hatte damals gelautet: „Mikrotonal und banal“. Daneben ein Meuchelfoto von mir.

Heute lehre ich diese vermeintlich banale Mikrotonalität als Professor auf Lebenszeit an einer der renommiertesten Universitäten der Welt.

Mein Erfolgsrezept ist einfach: Ich habe konsequent und unbeirrt das getan, was ich für richtig hielt. Ich habe gelernt, meinem Gewissen zu vertrauen.

Utilitaristisch gesprochen, auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen: Schon mittelfristig lohnt es sich, Utopien zu haben. Es lohnt sich, sie zu verwirklichen zu versuchen.

Ich glaube nach wie vor an die Utopie einer neuen Musik in Expressivität und Wohlklang.

Und ich glaube nach wie vor an die Utopie einer neuen Gesellschaft in Humanität und Liebe.

 

(c) Georg Friedrich Haas, 2018

 

 

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