Salvatore Sciarrino

Immer wenn man mich um eine Biographie bittet, fühle ich mich unwohl. Jedes mal habe ich den Eindruck, daß die Anderen eine Art Abenteuer erwarten, aber welches? Wie will jemand den Saft des Lebens in ein paar Zeilen pressen? Als Kind wurde ich weder von Piraten entführt, noch habe ich ein weltweites Publikum gewonnen (ich habe auch nie, um die Wahrheit zu sagen, hiervon geträumt). Nichtsdestotrotz habe ich doch etwas getan, von dem ich nur nicht weiß ob es wert ist erwähnt zu werden. Ich habe meine Musik der Banalität meiner Geschichte und meines Gesichtes gegenübergestellt, im Gegensatz zu vielen Künstlern, die sich davon ferngehalten haben, und sich nur ihrem Schaffen verschrieben haben. Weil ich einer von ihnen werden wollte habe ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben die Isolation gesucht, verließ die Stadt und habe den Schatten aufgesucht. Autodidakt zu sein, ohne ein Konservatorium besucht zu haben, ist für mich eine Quelle des Stolzes. Ich habe auch eine erfolgreiche Karriere gehabt, trotz meinerselbst, und ich könnte eine Liste von angesehenen Preisen, Aufführungen, Interpreten und zukünftigen Auftragswerken vorlegen. Und obwohl ich meine Kunst immer keinen Kompromisse ausgesetzt habe, würde ich reich sein, wenn ich nicht immer mehr ausgegeben hätte, als ich verdient habe. Mehr habe ich nicht zu sagen. Die Frage ist nicht, glaube ich, zu versuchen bescheiden zu sein, oder es nicht zu versuchen. Ich weiß, wo ich versagt habe und was ich aus dünner Luft gezaubert habe, und meine Leidenschaft für Musik wächst. Genauer gesagt, ich glaube, daß die Zukunft der Musik, meiner und der anderer Leute, dem Wind überlassen ist. Wenn die Bäume zu blühen beginnen, können sie sich selbst im Frühjahr auflösen.

27/01/2012 - 15:42