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Konzert
Österr. Erstaufführung

Termine: 

09/10/2011 - 19:30

Orte: 

Biografien: 

Early Life

Hèctor Parra (c) Siemens Stiftung
Early Life by Hèctor Parra | ensemble recherche (mp3, 4.35mb) © ORF musikprotokoll
Early Life - 12´

Nach heutigen Erkenntnissen geht alles Leben,das die Erde bevölkert, uns mit eingeschlossen, auf einen gemeinsamen Vorläufer zurück, der bereits selbst Ergebnis einer lange dauernden biologischen Evolution war. Die entscheidende Frage lautet somit: Was geschah davor? Der Biologie zufolge geht es beim Leben mehr um „besondere Systeme“ denn um „konkrete Substanzen oder Stoffe“. So gesehen können wir Organismen als Maschinen betrachten – Leben ist Naturtechnologie! Die ersten Organismen mussten allerdings ganz ohne Technologie beginnen. In irgendeinem fernen Moment setzte dann ein Entwicklungsprozess ein, in dessen Verlauf sich eine Technologie herauszubilden und Materie in Überlebensmaschinen zu verwandeln begann. Einmal in Gang gesetzt, hätte sich aufgrund der Effekte dieses Prozesses auch dieser selbst ganz leichtverwandeln können – genauso wie Klangmaterial in einem musikalischen Werk …

In Early Life für Oboe, Klavier und Streichtrio wollte ich eine musikalische Struktur schaffen, die von einem groß angelegten biologischen Prozess inspiriert ist, oder etwas konkreter ausgedrückt davon, wie auf unserem Planeten Leben entstehen konnte. Besonders anregend fand ich die als „Genetic Takeover“ [genetische Wachablösung] bezeichnete Theorie des schottischen Biologen Graham Cairns-Smith, der zufolge sich der Schritt zum Leben an der Replikation von Mineralien festmachen lässt. Nach Cairns-Smith hat das Leben mit sich selbst replizierenden anorganischen Kristallen begonnen, die sich in einer kontinuierlichen Evolution an die Umgebung anpassten. Außer Frage steht jedenfalls, dass sich schließlich die organischen Moleküle durchgesetzt haben. Die Entstehung der ersten Gene würde dann auf der Replikation von „Defekten“ im Kristallgitter beruhen. In bestimmten Tonkristallen unterscheidet man drei Arten von fehlerhaften Strukturen: 1) Stellen, die nicht von Atomen besetzt sind, 2) Substitution von Atomen durch andere, 3) Verlagerungen auf molekularer Ebene. Diese Defekte wurden getreulich repliziert, sodass sich die fehlerhaften Strukturen in den Flächen, die diese „defekte“ Information enthielten, in Wachstumsrichtung des Kristalls verbreiteten. Der Fehler ist also nicht eliminiert, sondern repliziert worden.

Early Life setzt daher mit den Streichern und dem präparierten Klavier, ohne Oboe, ein und wird perkussiver, indem sich – Kristallen gleich – relativ symmetrische, kurze Pattern herausbilden. Die rhythmische Komplexität dieser Pattern nimmt im gleichen Maße zu, wie sich ihr klangliches Spektrum erweitert, bis in der Mitte des Werkes ein Höhepunkt erreicht wird. Wie bei biologischen Prozessen gibt es kein Zurück! Die Sache ist nur die, dass sich in diese Pattern (oder „musikalischen Genen“) kleine Fehler eingeschlichen haben, die in veränderten Spieltechniken zum Ausdruck kommen, in eingeschobenen Pausen, in rhythmischen Verschiebungen im Wechselspiel zwischen den Instrumenten, in Akzenten, die diese symmetrischen Elemente zu „verlagern“ scheinen … Die zu Beginn präsentierten Texturtypen, die verschiedenen Arten von Tonkristallen entsprechen, sind alle entwicklungsfähig, doch nur ein einziger dieser akustischen „Phänotypen“ wird sich weiterentwickeln – und sehr bald schon zeigt sich in der musikalischen Struktur dieses ersten Abschnitts ein ziemlich homogenes Klangbild, linear und ohne große Kontraste. Doch zurück zur faszinierenden Theorie von Cairns-Smith, der zufolge einige Tonstrukturen zu einem bestimmten Zeitpunkt die Fähigkeit entwickelten, durch Photosynthese organische Moleküle zu synthetisieren. Diese primitiven vorzellulären Organismen begannen Membrane zu „bauen“, Mikrotubuli, miteinander verbundene Kompartimente, was wiederum die Synthese begünstigte. All das führte dazu, dass sich Organismen herausbildeten, die sowohl anorganische als auch organische Gene enthielten. Die Kontrolle über die eigene Synthese und Replikation, ursprünglich gesteuert von den anorganischen Genen (Mineralien), ging im Laufe von vielen Generationen auf die organischen Gene (Nukleinsäuren) über und wird seither von diesen mittels Proteinsynthese bewerkstelligt. Es war vor allem dieses Ersetzen einer Replikationstechnologie durch eine andere (Genetic Takeover), das mich zur musikalischen Struktur von Early Life inspirierte. Sobald also die vom Streichtrio und Klavier gespielten musikalischen „Phrasen“ – oder Gene – reicher, vielgestaltiger geworden sind und der Diskurs und die Verknüpfung des Klangmaterials komplexer, kommt die Oboe ins Spiel, und eine neue musikalische Architektur entsteht: Was perkussiv war, ohne Resonanz, unharmonisch, roh, leblos und unauffällig, wird vielgestaltig, polyphon, harmonisch, organisch und kontinuierlich. Das Entstehen eines melodischen Diskurses, seine Interaktion mit dem harmonischen Spektrum, die große Palette an Klangfarben, die sich unter dem Einfluss der Oboe entfalten und in Sekundenbruchteilen interagieren, erzeugen schließlich das Gefühl von einem wahren Kontinuum, einer klangfarblich- zeitlichen Handlung. Vielstimmig und von dramatischem Charakter, ist dies eine musikalische Metapher für die heterogenen und miteinander verketteten Vorgänge, die eine organische Textur ausmachen. Der zweite Abschnitt des Werkes wird so zu einem „Mikrodrama“ mit der Oboe als Soloinstrument.

In Early Life bin ich mit der außergewöhnlichen Vision von der Oboe, wie sie der chilenische Oboist Jaime González verkörpert, eine Symbiose eingegangen. Sein großes Spektrum an Klangfarben, seine expressive und emotionale Flexibilität, verbunden mit einer nahezu atomaren Präzision der Artikulation haben mich zu diesem Werk inspiriert, das auch seine instrumentale Sprache für Streicher und Klavier den Mitgliedern des Ensemble Recherche aus Freiburg verdankt. Ich habe das große Glück, mit diesem Ensemble bereits einige Jahre lang zusammenarbeiten zu dürfen.

Early Life, ein Auftragswerk der Ernst von Siemens Stiftung und im Rahmen der Preisverleihung 2011 in München uraufgeführt, ist Jaime González und dem Ensemble Recherche in Freundschaft, Dankbarkeit und Bewunderung zugeschrieben.

Hèctor Parra (Übersetzung: Friederike Kulcsar)

InterpretInnen: 

Hèctor Parra (E), Komposition
ensemble recherche (D)
Jaime González, Oboe
Jean-Pierre Collot, Klavier
Melise Mellinger, Violine
Barbara Maurer, Viola
Åsa Åkerberg, Cello