musikprotokoll 2010 Header
Konzert
Österr. Erstaufführung

Termine: 

08/10/2010 - 19:30

Orte: 

  • Helmut-List-Halle

Biografien: 

In the realms of the unreal

Olga Neuwirth (c) ORF musikprotokoll
In the realms of the unreal by Olga Neuwirth (mp3, 3.94mb) © ORF musikprotokoll
In the realms of the unreal

Die Komposition In the realms of the unreal, Ende 2009 entstanden, ist – nach Akroate Hadal (1995) und Settori (1999) – Olga Neuwirths dritte Auseinandersetzung mit der Gattung Streichquartett. Mit dem Werktitel setzt die Komponistin dem zurückgezogen als Hausmeister lebenden amerikanischen Künstler Henry Darger (1892-1973) ein Denk­mal, dessen über 15.000 Seiten umfassendes und mit mehreren hundert Zeichnungen und Aquarellen illustriertes Buchmanuskript The Story of the Vivian Girls, in What is known as the Realms of the Unreal, of the Glandeco-Angelinnian War Storm, Caused by the Child Slave Rebellion erst nach seinem Tode entdeckt wurde. Der Verweis auf die von Ideen überquellende literarische Schöpfung liefert – metaphorisch gedeutet – einen Anhaltspunkt für das zentrale Charakteristikum von Neuwirths Musik: die ständigen, mitunter stark kontrastierenden Wechsel von Texturen unterschiedlichen Ausdrucks und Charakters, aus denen die Komposition zusammengesetzt ist. Ausgangspunkt des Quartetts ist ein laut angestimmtes und lang gehaltenes, engräumiges Vierteltoncluster im Bereich der eingestri­chenen Oktave, das um die Tonhöhe a' gelagert ist; ihm folgt nach einer Pause ein ähnliches, rhythmisch und dynamisch anders ausgearbei­tetes Cluster mit Zentrum g'. Mit diesen eng aufeinander bezogenen Klangsituationen ist ein Moment beschrieben, das in mehr oder weniger stark abgewandelter Form im Werkverlauf immer wieder kehrt und auch in einer auf den Zusammenklang a-g erweiterten, mit perkussivem Pizzicato artikulierten Gestalt das Stück beschließt. Vermittelt über die in Tonhöhen übersetzten Namensinitialen A und G versteckt sich darin ein Hinweis auf den „in memoriam"-Charakter von Neuwirths Werk, den die Komponistin zudem mit der Bemerkung „in loving memory of Alfreda Gallowitsch" ausdrücklich benennt. Wie eine Art Erinne­rungszeichen durchzieht diese Tonhöhenkonstella­tion daher die Texturen des Streichquartetts, welche die teils unerwarteten Wendungen immer wieder an eine konkreten Klang­gestalt zurückbindet und über diese zugleich die musikalische Gedanken­fülle kontrolliert.

Stefan Drees

InterpretInnen: 

James Clarke (* 1957, GB), Komposition
Arditti Quartet (GB)
Irvine Arditti, Violine
Ashot Sarkissjan, Violine
Ralf Ehlers, Viola
Lucas Fels, Cello