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Konzert
Uraufführung

Termine: 

07/10/2010 - 21:00

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Biografien: 

Radian

Radian (c) Radian
Radian (mp3, 3.98mb) © ORF musikprotokoll
Radian

Zwischen Ausbruch und Konzentration

Das neue Album Chimeric von Radian
Bislang hätten sie eigentlich immer mikro­skopiert, so Martin Brandlmayr, sehr leise Klänge laut aufgeblasen, um „im Staubkorn das Orchester zu finden". Bei der Arbeit für ihr neues Album haben die drei Musiker von Radian nun den umgekehrten Weg einge­schlagen. Diesmal wurden alle Verstärker voll aufgedreht.

Vom Duo zum Trio
Ursprünglich war das Trio von Martin Brandlmayr, Stefan Nemeth und John Norman ein Duo. Martin hätte am Anfang gar nicht Schlagzeug, sondern Computer gespielt, erinnert sich Nemeth zurück. Er hätte damals, bevor sie John als Bassisten mit in das gemein­same Boot geholt haben, eine Zeitlang selber Bass gespielt, sich in weiterer Folge dann aber immer mehr dem Synthesizer zugewandt. „So hat sich das irgendwie im Kreis gedreht mit der Instrumentenverteilung", erzählt Nemeth, „aber so richtig komplett und musikalisch am Punkt war's dann erst mit John."

Pendant zur reinen Laptop-Musik.
Damals, in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, stand die sogenannte Laptop-Musik gerade in voller Blüte. Es hätte schon auch andere Bands gegeben, die sowohl mit akustischen als auch mit elektronischen Instrumenten gearbeitet haben, schildert Stefan Nemeth, ästhetisch seien diese beiden Klangwelten aber getrennt worden: „Wir wollten eigentlich, dass die Trennung zwischen akustisch und elektronisch komplett verschwindet." „Also zum Beispiel gibt es White Noise auf dem Synthesizer", führt Martin Brandlmayr aus, „und ich hab dann am Schlagzeug White Noise mit irgendwelchen Besen-Sounds gesucht".

Abwehr gegen Pionierstellung
Akustische Instrumente so klingen zu lassen, als wären sie elektronische und elektronische Instrumente so klingen zu lassen, als wären sie akustische – Radian waren im Bereich der Club­musik eine der ersten Formationen, die akusti­sche und elektronische Musik auch tatsächlich organisch zusammenführten – und zeichneten dabei einen Weg vor, der rückblickend betrach­tet in die Zukunft wies, begannen doch in den darauffolgenden Jahren immer mehr Musikerinnen und Musiker sich genau an dieser Synthese abzuarbeiten. Auf ihre Pionierstellung angesprochen bege­ben sich Stefan Nemeth, John Norman und Martin Brandlmayr aber in die Abwehrposition. Immer wieder hätte man ihre Musik nämlich in die Postrock-Lade gesteckt, wo sie nun aber wirklich nicht hingehöre.

Woanders bitte hingehen

„Für mich persönlich war es eine Befreiung, persönlich nicht mehr so tun zu müssen, wie in den Rockbands davor", sagt Stefan Nemeth. „Wir sind ja noch gesessen am Anfang! Also nicht mehr so tun zu müssen, als würd ich jetzt die wahnsinnige Energie reinbringen und in Wirklichkeit bin ich aber natürlich aus einer Mittelstandfamilie. Ich bin halt nicht der wilde Hund. Das war total befreiend, nicht diesen ganzen Klischee-Wahnsinn mitmachen zu müssen, sondern einfach zu sagen: Ok, Leute, da sind drei Gestalten auf der Bühne, da geht's nur um Sound, wenn ihr Show haben wollt, dann nicht hier, ja, woanders bitte hingehen."

Abstrakt, komplex und lässig
Und trotzdem: Radian schafften es einfach meisterhaft, wunderbar abstrakte und komplexe Musik zu machen, die im Gegensatz zu so vielem anderen eben auch jene Lässigkeit zu versprühen vermochte, die gute Rockmusik auszeichnet. Bei ihrer aktuellen Platte würde es nun aber ganz explizit um Rockmusik gehen, so Martin Brandlmayr, der eingangs bereits von diesem energetischen Element gesprochen hat, das unter anderem Chimeric so speziell macht. „Kontrolle ist in unserer musikalischen Arbeitsweise extrem wichtig", schließt er daran an, „alles wird durchleuchtet, analysiert und 100 Mal umgedreht, bis es seinen Ort findet. Und bei der Platte haben wir sehr viel mit improvisiertem Material gearbeitet, also wir wollten wirklich den Moment einfangen."

Weit über 100 Spuren
Die eingefangenen improvisierten Momente wurden, in guter alter Radian-Manier, dann aber doch wieder seziert, durchleuchtet und -in einem langen und von sehr viel Sorgfalt geprägten Arbeitsprozess - zu den schluss­endlichen sechs Stücken verdichtet. Bis zu 180 Spuren hätten sich da mitunter in seinem Computer übereinander getürmt, schildert der Musiker: „Ich musste mir einen neuen Computer kaufen, weil mein Computer die Arrangements nicht mehr abspielen konnte." Und es hätte mitunter auch einen gewissen Abstand gebraucht, diesen im Wortsinn fetten Arrangements Herr zu werden, sie zu Ende zu bringen, deshalb hätte es unter anderem mit der Veröffentlichung des neuen Albums, das immerhin erst fünf Jahre nach dem vorange­gangenen erschienen ist, so lange gedauert, erklärt Brandlmayr, der die Editier-Arbeit geleistet hat.

Kreative Pause

Genau, unter anderem, aber nicht nur, ergänzt John Norman. Nach der Veröffentlichung von rec.extern und juxtaposition seien sie sehr viel getourt und dabei letztendlich in die Gewohnheitsfalle getappt.

John Norman: „Also jede Verzerrer-Einstellung, jeder Snare-Schlag, jeder Synthesizer-Dreh war so automatisiert, dass einfach die ganze Spannung weg war und wir einfach gemerkt haben, dass wir nichts anderes tun, als einfach herunter zu spulen. Und da haben wir gesagt: Ok, um das Projekt zu retten machen wir `mal ein bisschen Live-Pause. Treffen wir uns `mal hin und wieder, probieren wir etwas aus, aber treten wir eine Zeit lang nicht auf. Deshalb hat es ein ganz anderes Tempo gehabt dieses Mal, auch deshalb waren wir so langsam. Wir waren immer schon langsam, aber dieses Mal war das echt so: Ok, jetzt müssen wir aber aufpassen, auf unsere Band."

Das Warten hat sich in jedem Fall gelohnt. Chimeric ist Musik zwischen Ausbruch und Konzentration, zwischen Explosion und Implosion, mit harten Brüchen und auch dem Mut zu prominent platzierten Momenten der Stille.

Text: Susanna Niedermayr, oe1.orf.at, 29.4.2010

InterpretInnen: 

Martin Brandlmayr (* 1971, A), Schlagzeug, Vibraphone, Sampler & Sequenzer
Stefan Nemeth (* 1973, A), Gitarre, Synthesizer
John Norman (S) Bass
Kassian Troyer (D), Sound