musikprotokoll 2006 Header
Installation

Termine: 

08/10/2006 - 23:00

Orte: 

Biografien: 

untitled 10/2006-2

untitled 10/2006-2

Dem Ding keinen Namen geben. Das Absolute in der Audiokunst von Francisco López

Der aus Madrid stammende Musiker und Biologie-Professor Francisco López betreibt seit Anfang der '80er Jahre Soundstudien, die sich mit Klang in seiner reinsten Form beschäftigen: Wegen seiner unorthodoxen Herangehensweise gilt er als einer der Protagonisten aktueller avancierter elektro­nischer Musik. Dabei blendet er sämtliche Erwartungen aus, diese visuell zu verarbeiten. López' Werkskatalog verzeichnet mehr als 160 Aufnahmen namens Untitled, die meisten CDs haben keine Track-Indices und egal ob Club oder Konzertsaal, er spielt im möglichst abgedunkelten Raum. So kommt etwa die 2005 erschienene CD Live in San Francisco (23five) konsequenterweise im schwarzen Cover daher, es sind nur die Namen der beiden Clubs verzeichnet und im Inneren der CD findet sich eine schwarze Augenbinde. „Ich verteidige nicht akustische Fragestellungen ('sonic matter') als ästhetische oder konzeptuelle Kategorien", legt López 2004 in seinem Essay „Against the stage" dar, „sondern als eine Basis für neue Chancen des Eindrucks, der Erfahrung und der Herstellung. Sound ist ein dezidiert mächtiges Medium". Ähnlich wie der österreichische Musiker Franz Pomassl verhängt López ein Bilderverbot über seine Musik, um damit zu einem veritablen Bildstürmer zu werden. Oft werden sogar die Instrumente verhüllt. Das ist indes keine Schikane, sondern der bewusste Versuch, die Aufführungspraxis elektronischer Musik (wieder) in Richtung Sound-Art und Musique Concrète zu verorten und die visuelle Interpretation des Gehörten dem Zuhörer selbst zu überlassen. Denn für López fällt die frontale Bühnenpräsenz in die als totalitär empfundene Guckkasten-Situation zurück, wie man sie aus dem Opern- und Rock'n'Roll-Kontext kennt.

Anders als in der Bioakustik, in der biologische Klangphänomene nach standardisierten Methoden ausgewertet werden, hebt López dezidiert den persönlichen Zugang hervor, um von der vielerorts sehr technologielastigen Diskussion innerhalb der experimentellen elektronischen Musik wegzukommen, hin zu praktisch dokumentarischen Assoziationen, in denen die uns umgebende Umwelt wie mit einem Radar abgetastet wird. „Der Grund, warum ich diese umweltbezogene Perspektive einfordere, ist nicht, dass sie 'kompletter' oder 'realistischer' wäre, sondern eher weil sie eine veränderte Wahrnehmung von Wiedererkennen und Differenzierung der Soundquellen hin zum Verständnis der daraus resultierenden Sound-Problematik einfordert. Es ist eine traurige Simplifizierung, sich auf das traditionelle Konzept zu reduzieren, Musik in der Natur 'finden' zu wollen", schreibt López 1998 in seinem Text „Environmental sound matter". Die intensive Ausein­andersetzung mit einem absoluten Anspruch der Wahrnehmung gegenüber bringt López sowohl in Metropolen weltweit wie in die hintersten Winkel tropischer Regenwälder, um von dort per Fieldrecordings eingefangene akustische Momentaufnahmen mitzunehmen und diese auf CD oder in einem Konzert zu präsentieren. Er dringt dabei in Regionen vor, die nie ein Mensch zuvor gehört hat.

E-Mail Interview mit Francisco López, August 2006
Sein fulminantes Konzert beim Wiener Musikfestival phonoTAKTIK im Jahr 1999 hinterließ zwar einen nachhaltigen Eindruck, sollte aber der bis dato einzige Auftritt von Francisco López in Österreich bleiben. Mit der Uraufführung eines neuen Werkes in Graz kommt López nach sieben Jahren endlich wieder nach Österreich.
Heinrich Deisl: Beim musikprotokoll in Graz werden Sie mit zwei Arbeiten vertreten sein, einer Live-Show und einer Performance für das Radio. Gehen Sie an diese beiden Live-Situationen unterschiedlich heran?
Francisco López: Bei einer Live-Performance kann ich interaktive Prozesse – etwa das akustische Wechselspiel von Klängen und dem jeweiligen Raum, den sie ausfüllen und in dem sie wahrgenommen werden, in dem sie sich also materialisieren – als Gestaltungskraft nutzen. Für mich ist das die ideale Situation, weil ich nicht mit der Repräsentation von Klängen, sondern mit dem Klang selbst arbeite. Meine Live-Sets fokussieren die Transformation und Spatialisation von Klängen sehr genau, und ich werde keine Mühe scheuen, um dieses Ziel zu erreichen. Bei einer Radio Per-formance weiß ich, was an meinem Ende passiert, ich habe aber keinen Einfluss darauf, wie sich der Klang am anderen Ende, bei den Zuhörern und Zuhörerinnen, materialisiert (Lautsprecher, Lautstärke etc.), darüber hinaus gibt es natürlich die Beschränkung der stereophonen Wiedergabe, die bei einer Live-Performance nicht zwangsläufig gegeben ist. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht in der sinnlichen Erfahrung, die eine individuelle, private (Radio) oder eine gemeinschaftliche, öffentliche (Aufführungsraum) sein kann. Beide haben Vor- und Nachteile, weshalb ich glaube, dass das Wichtigste dabei ist, sich dieser Tatsachen bewusst zu sein und ihnen bei der schöpferischen Tätigkeit und in der Wahl der Mittel für die Realisierung eines Werkes Rechnung zu tragen.
Heinrich Deisl: Einige Leitmotive des musikprotokolls verweisen auf Themenfelder wie „Kontrolle“, „Kommunikation“ und neue musikalisch-technische/performative/kollaborative Strategien. Hat sich Ihrer Meinung nach die Perspektive, aus der man diese Themen betrachtet, durch den „omnipräsenten“ Einsatz von Computern verändert?
Francisco López: Die Mentalität und Ästhetik des Networking sind viel wichtiger als die Computer selbst. Vernetzung hat es nämlich bereits vor der digitalen Revolution gegeben. Die Networking-Mentalität hat sich während der achtziger Jahre durch die sogenannte Kassettenkultur und das internationale Home-Music-Network mit erstaunlicher Schnelligkeit entwickelt. Das Internet hat diesem Prozess neue Aspekte hinzugefügt und ihn zweifellos beschleunigt, was gut und schlecht ist. Zwar gibt es Leute, die in der gegenwärtigen Situation nur Vorteile sehen, aber wir stehen heute vor der schwierigen Aufgabe, wie wir mit der Informationsflut umgehen sollen und wie wir uns mit Hingabe und vollem Einsatz unseren kreativen und perzeptiven Aktivitäten widmen können. Ich betrachte die Omnipräsenz der Technologie auch eher als eine dissipative Struktur, d.h. als ein offenes System, das einem ständigen Energiefluss unterliegt, da Millionen Menschen heute dieselbe Technologie nutzen, zu der sie noch dazu einen nahezu direkten, unmittelbaren Zugang haben, was beispiellos in der Geschichte ist. Ich glaube daher, dass wir heute den kreativen, schöpferischen „Geist“ eines Individuums klarer als je zuvor erfassen und somit begreifen können. Maschinen und Technologien werden also in gewisser Hinsicht „transparent“ und irrelevant.
Heinrich Deisl: Wie wichtig ist für Sie der Kontext, in dem Ihre Klangkunst in Szene gesetzt wird – etwa im Rahmen eines Jazzfestivals, einer Technoparty etc.? Welche „Grundlagen“ müssen erworben oder geschaffen werden, um Ihre Kunst auf adäquate Weise zu rezipieren/präsentieren.
Francisco López: Es ist immer gut, wenn man seine Arbeit in verschiedenen Kontexten und jeweils einem anderen Publikum präsentieren kann. Ich bin nicht an einem sachverständigen, „initiierten“ Publikum interessiert. Im Gegenteil, ich habe großes Interesse daran, meine Arbeit Menschen zu präsentieren, die dieses ästhetische Terrain noch nie betreten haben. Das Ziel, das ich mir gesetzt habe, ist Klangkunst, die in dieser Hinsicht universell ist, die sich also nicht auf einem bestimmten kulturellen oder technologischen Niveau bewegt.
Heinrich Deisl: Und was erwarten Sie sich von den Aufführungen in Graz?
Francisco López: Dasselbe wie immer, eine tiefe transformative Erfahrung (nicht nur ein Hörerlebnis) für das Publikum und für mich!

Text/Fragen: Heinrich Deisl (Übersetzung: Friederike Kulcsar)

Kooperationen: 

Kooperation ORF Kunstradio & musikprotokoll.