musikprotokoll 2006 Header
Konzert

Termine: 

07/10/2006 - 19:30

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Biografien: 

L'alibi della parola

L'alibi della parola für vier Stimmen

Vier Texte aus unterschiedlichen Epochen und von verschiedener Herkunft: die zeitgenössische visuelle Dichtung, der höfische Gesang Petrarcas, einige auf griechische Vasen gemalte Inschriften.

Die visuelle Beschaffenheit der Gedichte des Brasilianers Augusto de Campos wird in musikalische Aktion übertragen. Dies eröffnet neue sprachliche Möglichkeiten jenseits der herkömmlichen Wechselbeziehungen zwischen Musik und Text. Pulsar, an der Grenze zwischen Atem und Gesang angesiedelt, erfordert eine besondere Kontrolle der Stimmorgane. In den kontinuierlichen Klangfluss sind die Verse wie einheitliche Segmente eingelassen: Am Ende jedoch wird die Reihenfolge der Verse verändert, indem einzelne Textteile wiederholt und übereinandergelegt werden. Die Sterne, die den Vokal „e" ersetzen, und die Kreise an Stelle des Vokals „o", werden im Klang durch entsprechende Artikulation differenziert. Der Größe des Zeichens entsprechen die dynamischen Abstufungen.

Die Musikalisierung von Quasar wurde angeregt von der Faszination durch Automaten. Während des ganzen Stückes wird von den Sängern eine mechanische Trennung der Phoneme verlangt: ein Skandieren, das vorsprachlich bleibt und erst vom Hörer wieder zu einem Wort- und Sinn-Kontinuum zusammengefügt wird. Das Gedicht erscheint als geschlossenes Bild, das aus sechs Einheiten mal sechs Zeilen besteht. Diese visuelle Geschlossenheit des Gedichtes wird in der Musik durch die simultane Lesung mehrerer Textausschnitte (jeweils vier von sechs Zeilen), verdeutlicht. Dadurch entsteht eine beträchtliche Komplexität des Klangspektrums. nd gleichsam in einem Land nackt von Gewächsen und öd weder „vervielfältigt" noch „gewesen", weder „nie" noch „früher" oder „zurück".Durch die Vasenmalerei der Griechen eröffnet sich unseren Augen deren Welt mit beeindruckender Deutlichkeit, sogar in den Details, innerhalb des Privaten, der einzelnen Existenz. Es ist, als ob die Griechen sich mit ihrem Leben auf der Oberfläche der Vasen spiegelten. Töpfer, Maler, dargestellte Personen, Stifter oder Empfänger - alles spricht und singt eine großartige Figurensprache. Ich habe einige dieser Inschriften zusammengestellt, zarte Linien, an ewig geöffneten Lippen hängend.

Solange die Abfolge dieser synchronen Lektüre stufenweise, geordnet und zusammenhängend ist, bleibt der Text verständlich: Man braucht sich nur nach dem zu richten, was mal für mal hervortritt. Abfolgen, die nach anderen Kriterien organisiert sind, erzeugen hingegen parallele und schwerer zu identifizierende Texte. Das Ganze wird getragen von kontinuierlichen Textwiederholungen, die mit ihrer unterschiedlichen Metrik übereinandergelagert und verschoben werden und daher ein Geflecht von keineswegs homogener Dichte bilden. Um auf den zyklischen Charakter der Prozesse hinzuweisen, wird Quasar durch ein partielles Da Capo versiegelt.

Ich habe nicht klären können, welche Beziehung zwischen H.G. Wells und Francesco Petrarca bestanden hat. Gerade weil viele Jahrhunderte sie zu trennen scheinen, muss ich auf eine recht merkwürdige Tatsache hinweisen. In dem Roman Die Zeitmaschine von Wells ist der Protagonist in der Lage, durch die Zeit zu reisen. Als er den Zeiger der Maschine einmal weit in die Zukunft stellt, findet er sich in einer bestürzend öden und leblosen Gegend wieder: Es ist die Erde, gesehen aus einer Perspektive, die jenseits der menschlichen Spezies liegt. Ein ähnliches Bild entwirft Petrarca in seinem Triumph der Ewigkeit. Bemerkenswert daran ist, dass ein Glaubender fähig ist, eine Zukunft zu sehen, die vom Sinn des Lebens selbst ausgedörrt ist. Hier versucht die Musik, die Erscheinung der Leere in sich selbst aufzunehmen, ein immerwährendes Echo. Ist es eine Stimme, die überlebt hat und uns von der trostlosen Ewigkeit berichtet, oder ist es das Echo der unter­gegangenen Menschheit selbst?

und gleichsam in einem Land nackt von Gewächsen und
öd weder „vervielfältigt“ noch „gewesen“, weder „nie“
noch „früher“ oder „zurück“.

Durch die Vasenmalerei der Griechen eröffnet sich unseren Augen deren Welt mit beeindruckender Deutlichkeit, sogar in den Details, innerhalb des Privaten, der einzelnen Existenz. Es ist, als ob die Griechen sich mit ihrem Leben auf der Oberfläche der Vasen spiegelten. Töpfer, Maler, dargestellte Personen, Stifter oder Empfänger – alles spricht und singt eine großartige Figurensprache. Ich habe einige dieser Inschriften zusammengestellt, zarte Linien, an ewig geöffneten Lippen hängend.

LÖSE MICH (Odysseus, an einen Mast seines Schiffes gekettet,
während er den Gesang der Sirenen vernimmt)
NETENARENETENETO (Onomatopöie der Flöte)
TOTOTE TOTE (Onomatopöie der Trompete)
ETOTOT (ebenso; vielleicht auch von hinten nach vorne zu lesen)
O O O O O (Vokale vor dem Mund des Alkäos, musikalische Notation?)
HALT STILL (ein Liebhaber während der Begattung)
LILISLIS LOLOSLOS (Nonsens?)
– SIEH, EINE SCHWALBE
– JA, FÜR HERAKLES
– SIEHE DA, ES IST SCHON FRÜHLING (kurzer Dialog)

Salvatore Sciarrino (Übersetzung: Susanne Kubersky)

InterpretInnen: 

Salvatore Sciarrino, Komposition
Neue Vocalsolisten Stuttgart
Daniel gloger, Countertenor
Martin Nagy, Tenor
Guillermo Anzorena, Bariton
Andreas Fischer, Bass