musikprotokoll 2004 Header
Konzert
Uraufführung

Termine: 

23/10/2004 - 21:30

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Biografien: 

rinascere sirena

rinascere sirena

Ein Körper (Cello), zwei Schwänze (Violine und Viola), das weite Meer, darin ein dichtes, fließen­des Element, das sich in die Tiefe zurückzieht und wieder an die Oberfläche kommt: Der Gesang der Sirene ist keine Melodie, sondern ein energetischer Zustand, ein starker Magnet, der ein ihm ähnliches Element in einem gerade vorüberfahrenden Körper anzieht. Der sagenhafte melodische Gesang ist ein visuelles Äquivalent, ein tönendes Bild, das seinen Ursprung in den schlangenarti­gen Bewegungen eines Mischwesens - halb Frau, halb Fisch - hat, denn ursprünglich ähnelte die Sirene der Gestalt nach der viel furchteinflößenderen Harpyie, die halb Frau und halb Vogel war.

Bei den Darstellungen der Götter des alten Ägyptens rührt uns selbst heute deren Instabilität, befällt uns noch immer eine merkwürdige Unruhe, die dem gleichzeitigen Vorhandensein von zwei Reichen in einem Körper entspringt: weder wird der Mensch herabgesetzt noch das Tier erhöht. Der Mensch bleibt Mensch und das Tier Tier, aber in diesem friedlichen Nebeneinander ist noch ein Drittes zu erblicken, das anders ist, draußen und uns fremd: die Existenz eines völlig auto­nomen Nicht-Ortes, was mit einem Schlag alle geografische Gewissheit auslöscht. Diese vom Gewohnten abweichende Möglichkeit inspirierte uns durch Jahrhunderte hindurch zu endlosen Transformationen - ob mit künstlerischen Mitteln oder in philosophisch-religiösen Interpretatio­nen - und versetzte Generationen von schwankenden Menschen in Angst oder Staunen, ent­täuschte ihre Erwartungen oder ließ sie hoffen.

Kurz: Das zunächst vom Gewohnten abweichende ist wie das Überlappen zweier gegensätzlicher Wirklichkeiten; dies ist der entscheidende Moment, er lässt sich nicht vorhersehen und modifi- Violoncello ziert doch alle vorherigen Momente wie auch die, die noch folgen werden. Die Welt der Antike war sich dessen durchaus bewusst: Indem man tagaus, tagein den ewigen Kreislauf der Natur for­cierte, half man diesem entscheidenden Moment, sich in Orten und Situationen zu konzentrieren; indem man das Überlappende transformierte, hinterließ man Spuren in der Enormität dieses „Nicht-Ortes" und schuf Diskontinuität in seiner Unendlichkeit, um so zu einer möglichen Inter­pretation zu gelangen. Die Kunst späterer Zeiten erschloss ihn über die Werke und konzentrierte sich zunehmend darauf, immer mehr Tore aufzustoßen, um dorthin zu gelangen. Das Denken wie­derum bemüht sich, den einen Durchlass von dem anderen abzugrenzen und organisiert jedes neu entstehende Chaos in konstruierten psycho-räumlich-zeitlichen Hierarchien. Systeme verschwin­den und mit ihnen die Schlüssel, was bleibt, sind die Tore, ist der 'Nicht-Ort', der immer näher rückt, der zunehmend in uns selbst liegt, der einen Prozess in Gang setzt, in dem sich immer komplexere Kontinuitäten und Diskontinuitäten abwechseln - was bleibt, ist die Unwägbarkeit des Lebens. Die Sirenen rufen, sie lenken unsere Aufmerksamkeit erneut auf einen Durchlass, sie sind das Tor in einer Grenze, die als unüberwindbar gilt. Wir wissen nicht, wo sich dieses Tor genau befindet, wir können aber auch nicht zufällig zu ihm gelangen, denn es ist wie eh und je von ruhiger See um­geben, sodass wir darauf zurudern müssen. An den Gestaden ihrer Insel, die mit Skeletten über­sät waren, löschten die Sirenen mit ihrem Gesang die Individualität aus, und mit ihr wurde auch alle Dauer, jeder persönliche Rhythmus und jede Bewegung vom Wind zerstreut; wen immer sie zu sich hinübergelockt hatten, machten sie willenlos, ließen sie reglos in Ebbe und Flut, in der Zeit und den Gezeiten zurück.
Diesem völligen Verlust des Egos hielt so manche zur selben Zeit an anderen Orten des Grad­netzes gemachte Erfahrung die Existenz eines Bewusstseins entgegen, das tiefer ist, als das individuelle und zu dem wir nur vordringen können, wenn wir den persönlichen Rhythmus und die Strukturen, die uns allem Anschein nach charakterisieren, begriffen haben und überwinden. Der unvermeidliche Stillstand ist dann nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem freien Handeln, das also weniger oder überhaupt nicht von zufälligen Beweggründen bestimmt wird und somit ein Ausdruck der Energie ist, die alles in Gang hält. Odysseus, an den Mast gebunden, bleibt zwischen den beiden Konzepten: Er fürchtet seine Ver­nichtung, möchte aber den Lockruf der Sirene dennoch vernehmen und entscheidet sich dafür, jedwede Reaktion unmöglich zu machen - für sich und einsam lauscht er der Melodie.

Im Anschluss an mein Streichquartett, gleichsam aus ihm heraus, wird das Trio geboren/wieder­geboren; von vielen Sirenen zu einer Sirene, werden auch ihre Stimmen zu einer einzigen, drei in einer, ähnlich den Stimmen, die die Menschen der Antike so deutlich in sich vernehmen konnten. Dieses Stück setzt sich ebenfalls der Anziehungskraft und Gefahr eines Lockrufs aus, der über Jahrhunderte und auf allen Meeren Seeleute auf die Probe gestellt hat und im gleichen vielstimmi­gen Gesang zum Ausdruck kam. Auf der einen Seite die Idee der Simultaneität, des gleichzeitigen Vorhandenseins als Produkt einer Vertikalität, die Standorte bestimmt, und einer Horizontalität, die diese dann erforscht; auf der anderen Seite das Vermitteln zwischen der Abwesenheit von Akzentuierung (wie sie für die zeitgenössische Musik typisch ist) und dem hypnotischen Beat (der Musik der Jugend): beide nur verschiedene Gesichter derselben sich ins Unendliche erstre­ckenden Zeit, in der uns die Sirenen gefangen halten möchten. Vernichtung, völlige Auslöschung, Abwesenheit als Verlust oder als Überwindung und Essenz.

Giorgio Netti

InterpretInnen: 

Giorgio Netti, Komposition
Kairos Quartett
Wolfgang Bender, Violine
Chatschatur Kanajan, Violine
Simone Heilgendorff, Viola
Claudius von Wrochem, Violoncello

Kooperationen: