musikprotokoll 2002 Header
Konzert

Termine: 

02/11/2002 - 22:00

Orte: 

Biografien: 

ecstaloop

ecstaloop für Sopran, Sprecher, Sampler und Ensemble

„ecstaloop acts as a sign for the flaneur's meandering path... feel free enough to get lost and build your own experience out of the chaos of the place and from the complex spaces of the streets to the cacophony of media options..."

Diesen Satz der beiden Architekten Nigel Coates und Doug Branson hat Olga Neuwirth als Motto über die Partitur ihres Werkes ecstaloop für Sopran, Sprecher, Sampler und Ensemble (2001) gestellt. Seine Essenz - die Vielfalt der Wahrnehmungssituationen in der modernen Welt und die Möglichkeit der Reaktion auf sie - bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Musik. Gleich zu Beginn des Stückes wird der Zuhörer unvermittelt in einen eigenartig schwirrenden Kosmos aus schwebenden Klang-, Geräusch- und Textfragmenten entführt, in dem ihm der Boden unter den Füßen weggleitet. Die hervorstechendsten Elemente dieses Klangwirbels sind die ausgewählten Texte: sie stammen von den ungefähr gleichaltrigen Dichterinnen und Dichtern Stephanie Fleischman, Ivetta Gerasimchuk, Banana Yoshimoto, Craig Raine und Katrin Röggla und könnten verschiedener nicht sein. In ihnen prallen stark kontrastierende literarische Auseinandersetzungen mit der Realität der Lebenswelt aufeinander, die von der Komponistin durch Montage zu einer neuen - und komplexeren - Realität zusammengefügt und miteinander kombiniert werden. Auf diese Weise durchdringen Textstrukturen und Inhalte einander, kommentieren sich gegenseitig, bleiben aber doch - schon aufgrund ihres jeweils spezifischen Stils - in ihrer individuellen Gestalt erkennbar.

An diesem Strang aus vokalen Verflechtungen läuft Olga Neuwirths Musik mit ihren ständigen Anläufen und Aufschwüngen, mit ihren Verdichtungen und abrupten Abbrüchen entlang: hier herrschen Klangbänder von unterschiedlichster Beschaffenheit, die in permanenter Bewegung sind und die Textschicht gleichsam umspielen, nur selten unterbrochen von leisen Geräuscheinspielungen oder jenen raren Passagen, in denen sich Sopran und Ensemble zitathaft aus den Klängen herauswinden. Bei all diesen Überlagerungen des Gleichzeitigen ist vor allem die Wahrnehmungsfähigkeit des Hörers gefordert. In diesem Sinne mag das anfangs zitierte Motto eine Aufforderung an ihn sein: eine Ermutigung, sich einen eigenen, ganz individuellen und verschlungenen Weg des Hörens durch die komplexe Klangwelt hindurch zu suchen.
 

Stefan Drees

InterpretInnen: 

Olga Neuwirth, Komposition
Petra Hoffmann, Sopran
Lucas A. Rössner, Sprecher
Sylvain Cambreling, Dirigent
Klangforum Wien