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Konzert

Termine: 

13/10/2000 - 19:30

Orte: 

Biografien: 

Chimera

Chimera

Meine musikalische Chimera hat eine Lebensdauer von etwa 10 Minuten. Verschiedene Gene werden in denselben Embryo eingeschleust und rufen dort, während sich nach und nach ein Immunsystem einstellt, unvorhersehbare Entwicklungen hervor. Zellen reproduzieren und verändern eine Botschaft, die über das Leben dieser widernatürli­chen Kreatur entscheiden wird.

In der Biologie bezeichnet das Wort „Chimäre" eine Labor-Kreatur, die durch Gen-Manipulation erzeugt wurde und die Merkmale von zwei oder mehreren Arten in sich vereint. Im Embryonalstatium ist das zur Verteidigung dienen­de Immunsystem eines Organismus noch unvollständig, und die Übertragung fremder Gene auf Embryonen löst nicht sofort Abwehrreaktionen aus. Die Lebensdauer des so geschaffenen Monsters ist begrenzt und entspricht der Zeit, die das Immunsystem zu seiner Stabilisierung braucht, bis die Zellen in der Lage sind, zwischen ihresgleichen und Fremdkörpern zu unterscheiden.

Dieses Verteidigungssystem funktioniert so, als würde sich eine chemische Botschaft zwischen den Zellen hin- und herbewegen, um zu sagen: „Achtung, ein Fremdkörper versucht, uns anzugreifen." Statisch gesehen haben die Zel­len gegenüber dieser Botschaft mehrere Verhaltensmöglichkeiten: reagieren, passiv bleiben, sich der vorherr­schenden Reaktionsweise ihrer Nachbarzellen anschließen, sich umbringen usw. In diesem Stadium sind die indivi­duellen Reaktionen nicht völlig kontrollierbar. Die anfängliche Botschaft verändert sich selbst im Laufe ihrer vielfa­chen Übermittlungen und kann entweder zum Erscheinen des Antikörpers führen, der den Eindringling vernichtet, oder aber zur Krankheit und zur Zerstörung des gesamten Organismus. Auf der Makro-Ebene kann man also eine ständige Rückwirkung zwischen dem Immunsystem und seiner Umgebung beobachten, wobei die letztere bestimmte Zell-Reaktionen begünstigt, von denen sie ihrerseits wieder verändert wird.

Misato Mochizuki

InterpretInnen: 

Misato Mochizuki, Komposition
Klangforum Wien
Johannes Kalitzke, Dirigent