musikprotokoll 2016 Sujet
Konzert

Termine: 

06/10/2016 - 21:30

Orte: 

  • Dom im Berg

Biografien: 

Solo Vocal Performance

Blixa Bargeld
Solo Vocal Performance

Stimme als Klangmaterial: Blixa Bargeld

Ob als Sänger der Einstürzenden Neubauten oder als Hamlet in Heiner Müllers „Die Hamletmaschine“, aber auch als Vorleser von Gebrauchsanweisungen für Baumarktgeräte oder in Vokal­-Performances: Blixa Bargeld, ein stimmgewaltiger Sprachverdreher.

Seit den späteren 1990er Jahren hat sich Blixa Bargeld vom Gesang immer mehr zu Rezitations-­ und Spoken­-Word­-Aufführungen verlegt. So erschienen 2006 „Bargeld liest Bertolt Brecht – Erotische Gedichte“ und der Video­-Mitschnitt seiner Solo­-Vocal­-Performance „Rede/Speech“ vom Deutschen Theater Berlin. Und 2009 kam der von Bargeld gesprochene Roman „Der Tod des Bunny Munro“ seines Langzeit-­Musikkolle­gen Nick Cave auf sechs CDs heraus. Nach den Schrei-­Exorzismen bei den Einstürzen­ den Neubauten schlägt er in den Projekten mit dem italienischen Experimentalmusiker Teho Teardo und mit dem deutschen Elektroniker Alva Noto nun vergleichsweise bedächtige Töne an.

Bargelds Vokal-­Aufführungen sind indes weniger Lautpoesien der Buchstaben als aus Stimme geformte Soundströme. Er hat sich Kreuzungspunkte zwischen Literatur­lesungen, den Spoken­-Word­-Performances von Lydia Lunch, Lou Reed oder Ursula Rucker sowie dem Poetry Slam des HipHop von Patricia Smith oder Saul Williams ge­schaffen. Diese Kreuzungspunkte waren in gewisser Weise schon bei den Neubauten angelegt; so etwa die Nummern „Prolog“ und „Hirnlego“ aus dem Album „Haus der Lüge“ von 1989. Während die eine literarischen Lärm liefert, könnte die andere als veritabler Rap-­Track durchgehen.

Sounds stimmen

Blixa Bargeld ist mit seiner Solo­-Vocal­-Performance heuer zum ersten Mal auf dem musikprotokoll. Begleitet wird er von Boris Wilsdorf. Man kennt sich, schließlich ist Wilsdorf seit 1996 der Ton­-Ingenieur der Neubauten, der auch Aufnahmen von Tony Buck, Caspar Brötzmann, Throbbing Gristle oder The Swans produziert hat. Live auf der Bühne dann der Performer, ein Mikrofon, ein paar Effektpedale, sonst nichts.

Man könnte sagen: Rudimentärer geht es kaum. Sätze, Wörter und Laute werden in Echtzeit geloopt, gedehnt, improvisiert, zerschreddert, überschlagen sich, fallen ineinander und wachsen sich zu einer Soundarchitektur aus, bei der pure Rezitati­on und bruitistische Sprachverwirrung oft nur einen Beistrich voneinander entfernt sind. Mit seinen Solo-­Vocal-­Performances zoomt Bargeld auf die Molekularebene von Sprache und macht Phoneme zum klanglichen Gestus.

Er setzt dabei auf materialästhetische Strategien, von denen die Dadaisten, Lettristen und Beat-­Poeten damals nur träumen konnten. „Let’s Do It A Dada!“, so nennt sich eines von drei Audio­-Essays, die Bargeld als Sup­plement für das Neubauten-­Album „Alles wieder offen“ von 2007 produziert hatte. Oder siehe das Cover des Albums „Still Smiling“ von 2013, auf dem Bargeld und Teardo mit Papierhüten à la Hugo Ball posieren.

Im Dada­-Jahr 2016 sind Referenzen wie diese weit mehr als geschichtsbewusste Aktualisierungen: Schließlich kann man sich bei Bargeld nie sicher sein, was passieren wird. Eine launig dargebotene Alltagsbegebenheit, eine Techno­-Musik­-Persiflage, Nonsensgedichte, wissenschaftliche Abhandlun­gen über Astrophysik oder doch lautmalerische Vokal­-Akrobatik? Im Lauf von mehr als 36 Jahren Bühnenpräsenz hat sich Blixa Bargeld so viel Platz geschaffen, dass alles möglich ist.

Als aktuelle Veröffentlichung von Blixa Bargeld ist Mitte 2016 das gemeinsam mit Teho Teardo pro­duzierte Album „Nerissino“ auf Specula Records/Rough Trade erschienen.

Heinrich Deisl

InterpretInnen: 

Blixa Bargeld