musikprotokoll 2016 Sujet
Ö1 mit Publikum

Termine: 

08/10/2016 - 10:00

Orte: 

  • Kunsthaus Graz

Biografien: 

Ö1 Klassiktreffpunkt / 2016

Ö1 Klassiktreffpunkt, Sendung

Kommt alle!
Lothar Knessl zu Gast im Ö1­ Klassik-­Treffpunkt

Klack klack klack klack.
Das regelmäßige Geräusch von Stöcken am Gang der Musikredaktion gehört mittlerweile ebenso zu seinen Sounds wie die Musikauswahl seiner Sendungen.

Lothar Knessl weiß, wie er am glatten Parkett des Funkhauses unterwegs zu sein hat. Er ist ein unermüdlicher Wanderer, und wenn das Alter seinen Tribut verlangt, dann nimmt er eben die Stöcke zu Hilfe, denn aufhalten lässt er sich nicht. Er schreitet, nicht ohne Mühe, aber regelmäßig dahin. Klack klack klack klack. Ein verlässliches Metronom.

Knessl hat bereits einige Male seinen Rückzug von Ö1 angeboten, ja angekündigt. Aber es hat ihn niemand gehen lassen…

9 Jahrzehnte Leben. 5 Jahrzehnte Radioarbeit. Natürlich hat er noch viele weitere Betätigungsfel­der beackert: Er hat die Saat des Music Information Center Austria ausgestreut und war dessen Präsident (1994-­2001). Als Bundes-­Musik-­Kurator (1993­-1996) brachte er auch an politisch entschei­dender Stelle seine Ideen ein. All das geschah übrigens nach seiner Pensionierung (1991)…

Davor konnte man 3 Jahrzehnte lang, in der Ta­geszeitung Neues Österreich sowie in unzähligen Programmheften der Österreichischen Bundestheater, deren Pressechef er von 1971-­1986 war, Knessl lesen. Man konnte Knessl auch hören, der seit 1986 am Institut für Musikwissenschaft Vorlesungen hielt.

Doch vor allem können wir ihn im Radio hören, seit 1967: Lothar Knessls Sprache ist wortreich und präzise zugleich. Seine Formulierungen sind immer gleich gut – er unterscheidet kaum zwischen geschriebenem und gesprochenem Wort.

Bei anderen kann das schiefgehen, doch bei ihm bleibt alles gerade. Seine Sätze lesen sich gut und hören sich ebenso gut an. Wenn man die seltene Gelegenheit hat, ihn nicht als Moderator, sondern als Interviewpartner zu erleben, ist man immer aufs Neue erstaunt, wie mühelos ihm auch die freie Rede druckreif und „mikrophonreif“ gelingt.

Lothar Knessl ist nicht der berühmteste Musik­journalist Österreichs, aber in mancher Hinsicht der wichtigste. Das hängt nur mittelbar mit seiner ungeheuren Erfahrung zusammen. Wer kann heute schon von sich sagen, vor 6 Jahrzehnten in Darm­stadt dabei gewesen zu sein? Diese Erfahrungen zu nutzen, aus ihnen Meinungen zu formen, Ideen zu entwickeln, Denkanstöße zu geben, Musik im denkbar umfassendsten Sinne zu vermitteln, das freilich erst macht ihn zur Schlüsselfigur im Musikleben Österreichs.

„Musician’s musician“ bezeichnet im internatio­nalen Musiker­-Jargon eine Persönlichkeit, die von ihresgleichen besonders geschätzt wird, jedoch wenig im Rampenlicht steht. Für Lothar Knessl müsste der Begriff „musican’s journalist“ einge­ führt werden.

Am 8.10. ist er zu Gast im Klassik­-Treffpunkt. Kommt alle! Er hat viel zu erzählen. Manches wird der Schreiber dieser Zeilen ihm zu entlocken suchen, z.B. ob es wirklich wahr ist, dass Knessl einst die Uraufführung eines Chorwerkes mitsang und nach dem letzten Ton vom Podium in den Zuschauerraum sprang, um seinen Protest auf die Bühne zu senden…

Dieser Text wurde unter bewusster Auslassung folgender Worte verfasst: „modern“ und „zeitge­nössisch“.

Albert Hosp