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Konzert
Uraufführung

Termine: 

09/10/2011 - 23:00

Orte: 

  • Helmut-List-Halle

Biografien: 

Esperanza

Werner Dafeldecker und Lawrence English (c) ORF musikprotokoll
Esperanza by Werner Dafeldecker & Lawrence English (mp3, 4.78mb) © ORF musikprotokoll
Esperanza

Architektur eines kalten Monolithen
Im Januar 2010 hatte die Kuratorin und Künstlerin Andrea Juan (die die Kulturabteilung des Dirección Nacional del Antártico Argentiniens leitet) Werner Dafeldecker und mich eingeladen, die beiden argentinischen Basen, Marambio und Esperanza, zu besuchen, um die vielseitigen Klangräume der Antarktik zu erkunden. Im Verlaufe eines Monats hatten wir das Glück, einige der klanglich ergiebigsten und desolatesten Räume der Erde zu erleben; die sich schnell verschiebende Eiswüste mit ihren blühenden Lebensdichten ebenso wie die ohrenbetäubende Stille der Stasis unter Null. Die um die Esperanza-Basis herum lebenden Pinguinarten (Gentoo, Chinstrap und Adele), die hier in den Sommermonaten zu weit mehr als 50.000 brüten sowie die antarktische Robben, denen ihre größeren Vettern, die Seeleoparden, Gesellschaft leisten, schaffen hier eine chaotische, seltsam harmonische und überwältigend aktive Klanglandschaft. Aufgrund der wenigen menschlichen Wohnstätten störten sich viele Tiere nicht an dem Field-Recording-Equipment und verhielten sich so, als wären keine Menschen in der Nähe. Zwei Tage, die wir in der Nähe von antarktischen Robben verbrachten, zeitigten intime Aufnahme: Robben, jagend, sich sozial bindend, ruhend.

Es war möglich, aus solch einer Nähe aufzunehmen, dass wir das Öffnen und Schließen einer einzigen, in der mittnachmittäglichen Sonne dösenden Nase festhalten konnten. Andere, hierarchische Demonstrationen von Macht führten zu unglaublich lebendigen und einnehmenden Klängen. Hinzu kommt, dass auch die Unterwasserumgebungen voller Klang stecken, darunter schmelzende Eisberge, das Echolot der Orkas, kommunizierende Zwergwale und Weddell Seehunde, deren Stimmen wie Analogsynthesizer durch das eiskalte Wasser summen, die oft nur mit der entsprechenden Ausrüstung zu hören sind. Im Gegensatz dazu ist die Marambio-Basis auf Seymour Island einer der ruhigsten Orte, den ich je besucht habe. Wenn man die akustischen Unterbrechungen der menschlichen Aktivitäten um die Basis herum hinter sich lässt, greift eine tiefe Stille um sich, die von wenigen Reflektionspunkten und der Topografie der Hochebene der Insel gesteigert wird. Das Leben ist beinahe nicht funktionsfähig – eine felsige, in Flechten geätzte Kargheit bedingt die gesamte Flora und die einzige Fauna ist eine Kelpmöwe, die gelegentlich an den Rändern der Basis entlang flattert. Während wir am späten Nachmittag am Rande des Hügels zum Osten der Marambio-Basis standen, ist alles entschieden still. Die Temperatur sinkt rapide mit der untergehenden Sonne und ein leichter Wind kommt auf, der die Kälte durchfegt, bis die Temperatur noch schneller auf –15 °C sinkt. Die Luft wird zusehends still, als ob die Partikel, die die Vibration der Klänge tragen, sich zum Stillstand verlangsamen und dabei die Fähigkeit, Klang zu transportieren, verlieren. Es ist eine tiefe Stille, fast leer, die von dem endlosen Horizont eines blaugrauen Himmels und langsam streuenden Eisbergen gespiegelt wird. Wenn Werner und ich miteinander sprachen, war es schwer, einander zu hören, als ob die Laute in dem Augenblick, in dem sie unseren Mund verließen, verschwänden. Es war das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie Worte in der Luft auseinanderfallen.

Verdauung und Übersetzung
Da wir sowohl gemeinsam als auch getrennt voneinander aufnahmen, haben Werner Dafeldecker und ich 6–9 Stunden am Tag im Feld verbracht. Die Fußreisen von bis zu 6 Kilometern erwiesen sich als zeitraubend, und angesichts des frühen Sonnenaufgangs und des späten Sonnenuntergangs, zogen sich die Aufnahmeaktivitäten über lange Perioden im Freien hin. Insgesamt entstanden so über 40 Stunden an Aufnahmen und es dauerte einige Monate, um das Erfasste zu verdauen und zu examinieren. In dieser Phase beschäftigte uns vor allem eine Frage: Wie könnte man das gesamte Spektrum der antarktischen Klanglandschaft abbilden? Wir stellten uns Klänge mit Bezug zu ihrer geografischen Quelle vor, statt der Beschaffenheit des Klangmaterials zu folgen. Dieser ortsbezogene Ansatz ermöglichte es uns, die Tiefe jedes gegebenen Moments und Orts adäquat darzustellen. Zweitens wurden Kompositionen nur mit Aufnahmen gemacht, bei denen mehrere Mikrofonarrays benutzt wurden, sodass wir einen abwechslungsreichen Eindruck des Orts und der Zeit vermitteln konnten. Hyperkardioide, Omni-, Surround- und M/S-Aufnahmen wurden gemischt, um eine tatsächliche und eine angedeutete Klanglandschaft zu schaffen, wobei Tiefe und Dimension hervorgehoben wurden.

Drittens folgt die radiofone Komposition einem tagebuchähnlichen Zeitverlauf, der die Basen und ihre Umgebungen widerspiegelt. Darüber hinaus wurden Gegenüberstellungen in den Kompositionsprozess integriert um die Interaktion menschlicher Aktivitäten, wild lebender Tiere und der Umgebung nachzuahmen. Klänge der menschlichen Wohnstätten wurden in das natürliche Environment integriert und Klänge des Landes versanken allmählich im Wasser, wobei sie einem Neigungsgefälle folgten, das den Hängen der Hope Bay ähnelte. Eine Reihe weiterer Ansätze, darunter verschiedene transformierte Audiopassagen, wurden ausgeschlachtet, um den besonderen emotionalen Zustand anzudeuten, den wir erlebten, als wir uns in der weißen Isolation befanden. Der Versuch, die Antarktis zu beschreiben, ist ein sinnloses Unterfangen, sei es akustisch, visuell oder sprachlich. Eine feindliche und gnadenlose Umgebung, gegen die Menschen und Tiere schlecht gewappnet sind. Mit the cold monolith und Esperanza offerieren Werner Dafeldecker und ich einen flüchtigen Einblick in einen der klanglich reichhaltigsten und erinnerungswürdigsten Orte, den sich ein Field Recorder vorstellen kann. Ein Ort, der eine Spezialisierung der Tier- und Pflanzenarten hervor gebracht hat und an dem Leben nur unter extremen klimatischen Bedingungen möglich ist.

Eine Frage des Feldes
Field Recording und Fonografie sind Praktiken, die sich mit der Aufnahme von Klang in bestimmten Umgebungen beschäftigen. Die Klänge können menschlichen Ursprungs sein (Gesang, Sprache), natürlich (Flora, Fauna), umgebungsbedingt (geofonisch, Niederfrequenzen), industriell oder sich von jeder anderen möglichen Quelle ableiten. Es ist eine Praxis, die aus der vielseitigen Geschichte der musikalischen Avantgarde schöpft, dem Film, der Ethnografie, der Ökoakustik und anderen kreativen und wissenschaftlichen Strömungen, die alle die Grenzen dieser sich fortwährend verästelnden Disziplin formen und gestalten. Die Arbeit mit Field Recordings ist ein herausforderndes Unterfangen, insbesondere wenn die Interpretation und Transformation des Ausgangsmaterials etwas Größeres ergeben soll, als die Summ seiner Teile. Das Ergebnis ist eine Aufnahme, welche die Idee der „Dokumentation“ transzendiert.

Lawrence English

InterpretInnen: 

Werner Dafeldecker (A)
Lawrence English (AUS)

Kooperationen: 

Live Video-Streaming am 9.10.2011 auf http://musikprotokoll.ORF.at