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musikprotokoll 2002

musikprotokoll 2002 Programmheftcover

Aus kulturpolitischen Gründen - wobei hier nicht Kulturpolitik im heutigen Wortsinn, sondern Kultur als Instrumentarium für und gegen (offizielle) Politik gemeint ist - verstand sich das musikprotokoll im steirischen herbst in seinen Gründungsjahren auch als Plattform für Musik aus den angrenzenden östlichen und südlichen Ländern. Im Lichte dieser Tradition ist das Programm des heurigen musikprotokoll kultur-politisch wie selten zuvor: Musiker aus Kroatien und Ungarn, aus der Slowakei, aus Bulgarien und Polen - Musikszenen, die bemerkenswerterweise auch während der letzten gut zehn Jahre Fremdkörper in unserer Wahrnehmung geblieben sind - nehmen wichtige Positionen im heurigen Programm ein. Musikalische Erkundungsreisen im Rahmen des Österreich 1 Schwerpunktesnebenan - Erkundungen in Österreichs Nachbarschaft legten die Basis, die Präsenz dieser Musiker und Komponisten im heurigen musikprotokoll-Programm markiert eine Art Zwischenbilanz, die von der heurigen Publikation mit Momentaufnahmen zu den aktuellen Musikszenen dieser Länder unterstützt wird. Im Osten - Neue Musik Territorien in Europa. Reportagen aus Ländern im Umbruch lautet der deutschsprachige Titel der zweisprachigen Publikation.

Die Begrifflichkeit Improvisieren versus Komponieren ist seit langem als unzureichend identifiziert. Die Begriffe Filter, Struktur und Speicher als Analogien zu Material, Form und Notation erscheinen zielführender und weniger vorbelastet: Musik von und mit John Butcher, Daniel Matej, Zsolt Söres, Kamil Antosiewics, Joe Williamson, Martin Brandlmayr und anderen lässt dieses musikprotokoll zu einem Testgelände für Musik aus diesem Spannungsfeld werden. Expemlarisch hörbar wird das in der Zusammenarbeit von Werner Dafeldecker, Christian Fennesz, Burkhard Stangl und Martin Siewert mit dem Filmemacher Gustav Deutsch, die im selben Kontext mit unterschiedlichen diesbezüglichen Extremen arbeiten.

Komponierte Neue Musik für brilliantes Ensemblespiel präsentieren hingegen Klangforum Wien (Gander, Staud, Neuwirth, Widmann) und ensemble recherche (Pauset, Rajewa, Yossifov). "Transfert" ist das italienische Wort für die Übertragung im Sinne der Psychoanalyse: Zur enigmatischen, Differenz produzierenden Kraft der (auch medientechnischen) Übertragung entwirft Roberto Paci Dato eine Versuchsanordung zwischen Graz, Rom und Wien.

Zwei Sonderprojekte zu Unschärferelationen: Klingende Apparaturen zu den Grundlagen der Physik entwickelte der Künstler Peter Brandlmayr für eine Serie von Experimenten und Vorträgen: Die Unschärferelation - Die Zeit - Die Bewegung - Die Gravitation. Und als eine Art Encore übernimmt am zweiten Wochenende die Künstlerin Matta Wagnest die Rolle der divahaften Songinterpretin, vier Gallionsfiguren der europäischen free Improvisation übernehmen die Rolle der begleitenden Jazzcombo. Die Vipers im Thienfeld-Bar übernimmt die Rolle des Plüsch-Nachtclubs. Es gibt in der Präzision der Unschärferelation also doch ein wahres Leben im Falschen; oder: Cole Porter Songs in der Rolle des Eigentlichen im Uneigentlichen.