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musikprotokoll 1998

musikprotokoll 1998 Programmheftcover

Mehr könne man sich von einem Festival zeitgenössischer Musik gar nicht wünschen, stand über das Musikprotokoll im steirischen herbst in der Frankfurter Altgemeinen Zeitung zu lesen und das Bild der Verknüpfung der österreichischen mit der internationalen Musikgeschichte, wie es die aktuelle Musikprotokoll-Edition mit 6 CDs zeichnet (Moderne in Österreich -30 Jahre Musikprotokoll, ORF-CD), wird in der Süddeutschen Zeitung beschrieben als "unverkrampft eindringliches Bild von der Lebendigkeit und der Experimentierlust dieses steirischen Herbstereignisses". Man könne hören, "wieviel an Aufbruchsgeist, an pulsierendem Leben, an Buntheit die dreißig Jahre des Musikprotokolls im steirischen herbst mit sich brachten. Gerade das Verquere, Unausgegorene und noch nicht Glattgehobelte kommt zu seinem Recht. In der immer noch häufig erstarrten Szene der modernen Musik ist darum diese Sammlung eine besondere Wohltat. Und es könnte sein, daß spätere Generationen einmal gerade solche Arbeiten als die maßgeblichen unserer Zeit ansehen".

In genau diesem Sinne geht das Musikprotokoll heuer in seine einunddreißigste Ausgabe. Das Musikprotokoll 1998 stellt fast ausschließlich neue, uraufzuführende Werke junger Komponisten und Musiker vor, interpretiert von renommiertesten Interpreten, komponiert und produziert speziell für das Musikprotokoll in Graz.
Die Star-Bratschistin Kim Kashkashian, die weltweit anerkannten Dirigenten Sylvain Cambreling und Dennis Russell Davies sowie die Orchester RSO-Wien und Klangforum Wien bringen Werke in der 19. 30 Uhr Konzertreihe im Stefanienaal im Grazer Congress zur Uraufführung; Stars aus der New Elektronic - Szene wie Jim O'Rourke und Christian Fennesz und Peter Rehberg kooperieren für die 23. oo Uhr Konzertreihe im Theatro. Eine Kunst der Zwischenräume in Foyer und Bar wird Max Nagl entwerfen und den Abschluß bildet ein Uraufführungskonzert für Ensemble und Klaus Lang an der Orgel in der Mariahilferkirche.

Ein Hauptaugenmerk liegt auf Werken einer Komponisten- und Musikergeneration, die gerade erst zu entdecken ist, Künstler die noch nicht oder eben erst an die dreißig Jahre alt sind, für deren künstlerische Karriere das Musikprotokoll Antrieb und Sprungbrett ist. Für das Publikum bedeutet das: Das Musikprotokoll ist damit weiterhin - oder mehr noch, als schon bisher - Forum und Protokoll aufregender Neuigkeiten sowie künstlerischer Präzision, Ort der Produktion des Unvorhersehbaren, des Zukünftigen im Heutigen. Musik von Thomas Heinisch, Klaus Lang, Sigrid Riegebauer, Christoph Ogiermann, Ming Wang, Ramon Bauer steht neben Werken von schon renommierten Komponisten wie Olga Neuwirth, Linda Bouchard, Richard Barre", Toshio Hosokawa, Peter Rehberg, Christian Fennesz, Jim O'Rourke und Max Nagl.

Musik mit Orgelpfeifen und Elektronik am späten Sonntagmorgen in der Kirche, Musik aus Powerbooks und Lautsprechern um Mitternacht im Club, Musik mit dem Symphonieorchester im klassizistischen Konzertsaal, Barmusik, Musiktheater in Lichtregie, kammermusikalisches Ensemblespiel: Das sind Kategorien und Genres des heurigen Musikprotokolls; im Einzelnen als Uraufführungen vorgestellt, produziert und erarbeitet für oder auch in Graz. Auch darin liegt eine traditionelle Wertigkeit dieses Festivals im steirischen herbst: Neues nicht bloß auszuwählen und vorzustellen, sondern das Risiko internationaler Neuproduktion und Erstpräsentation im Rahmen des Grazer Umfelds einzugehen.

1998: Den Wert der Genauigkeit innerhalb der Vielfalt zu kultivieren, ist - neben der traditionellen Konzentration auf das jeweils einzelne Werk - Ziel der Programmkonstellation des Musikprotokolls. Der aktuelle Tausendsassa des experimentellen Undergrounds, Jim O'Rourke aus Chicago, mit seinem Output von Lärm über Kitsch zu Elektroakustik, ist Gast des heurigen Musikprotokolls, um an drei neuen, für Graz entworfenen Werkprojekten mitzuarbeiten. Symptomatisch für die Konzeption des Festivals insgesamt werden dabei Schnitte und Brüche zwischen verschiedenen Musizierhaltungen wie Marktverhältnissen, Ästhetiken wie Umgangsformen offenbar. In den selben Tagen präsentiert Max Nagl neue Stücke als Besinnung auf die feine Kunst der Zwischenräume: Kunst an musikfestivalunüblichen Orten, der Bar und dem Foyer, während Symphonieorchester und Ensembles die Akustik und Ästhetik des Musizierens im klassizistischen Stefaniensaal weiterentwickeln. Der Anspruch der Genauigkeit innerhalb dieser Vielfalt bringt eine doppelte Herausforderung mit sich, für den jeweiligen Künstler ebenso wie für jeden Hörer; Konsequenz und Beharrlichkeit einerseits, Kategorienwechsel und Flexibilität andererseits. Wenn die Programmkonstellation dieses Festivals einen Eigenwert in Relation zur Wertigkeit einzelner Werke oder Projekte hat, dann liegt sie in dieser Anforderung.
Wir hören und beurteilen Musik und neue Musik traditionellerweise schlicht danach, wie sie klingt. Das scheint plausibel und ist doch zu wenig. Die Herausforderung besteht in der perzeptiven Übung, unterschiedlicher Musik mit unterschiedlichen Ohren und unterschiedlichem Denken zuzuhören, um die Klänge in einem ihnen adäquaten Zusammenhang der Interpretation zu unterziehen. Das ist ein so alter wie anstrengender Ansatz. Mozarts Symphonien seien zu verurteilen, schrieb der Musikästhetiker Nägeli noch kurz nach deren Entstehen, weil der Komponist die Genres mißachte und seine Symphonien sich entwickeln ließe, als wären sie Opernmusik. Selten war eine vernichtende Musikkritik besser begründet und richtiger, und dennoch siegte die Regelverletzung über die Regel. Wie entscheidend und ausschlaggebend für Ästhetik wie für Hörgenuß sind dann die Regeln der Umstände und Verhältnisse und Genres - für den Musiker wie für den Hörer? Wie verhält sich der Gebrauch des Powerbooks im Club nach Mitternacht zum Gebrauch der SGI-Maschine vor Mitternacht im Tonstudio? new electronica oder live-electronics? Wieviel muß man wissen, um was zu hören? Oder wieviel Kraft ist vonnöten, um oft genug die Hörkategorien zu wechseln?

Uraufführungsaufträge, die zu Höhepunkten der zeitgenössischen österreichischen Musikgeschichte werden sollen, das Initiieren von neuen Kooperationen in der improvisierten Musik, Positionen aus den Performan-ce/lnstallationsgenres, ausgewählte Beispiele der jüngeren internationalen Komponistenszene: So ließe sich die Musikprotokoll-Programmatik der letzten Jahre zusammenfassen und diese Linie behält das Festival bei. Künstlerisch verfolgt das Programm des Musikprotokolls auch heuer wieder eine Doppelstrategie: Bei einer Auffächerung der Genres sollen innerhalb jedes einzelnen davon kompromißlose Künstler vorgestellt werden, die sich ganz einer persönlichen und konsequenten Vision von Kunst verschrieben haben.
Kulturpolitisch ist die Positionierung des Musikprotokolls ebenfalls eine spannungsgeladene: Als alljährlicher Beitrag des ORF zum Festival "steirischer herbst" sind einige Spannungsfelder vorgezeichnet: regional und international, Tradition und Experiment, Spektakel und Kunst, Einheit und Differenz. Als kulturpolitische Zielsetzung dient der Versuch, diese vorgeblichen Gegensätze ineinanderfallen zu lassen: Die Region als selbstverständlicher Bestandteil der internationalen Szene, das Beibehalten einer Tradition des Experiments, die Integrität der Kunst als gesellschaftliches Ereignis, und Einhelligkeit in der Differenz.

Einen gesellschaftlichen Rahmen für neue Musik zu schaffen, in dem das Erarbeiten, Vorstellen und Bewerten dieser Kunst möglich und nachvollziehbar ist, sowie der zeitgenössischen Musik als Labor und Forum zu dienen, ist das Ziel des Festivals Musikprotokoll anläßlich seines Aufbruchs in das vierte Jahrzehnt.

1998: Die engelhafte Sängerin prescht durch ihren hypnotisierenden Monolog, die Lichtregie läßt den Stefaniensaal unwirklich erscheinen, die Instrumentalisten legen einen komplexen Teppich intensiver Klänge. Nachts dann und nebenan im Theatro: Drei Powerbooks im verrauchten Club, Musiker, die via Tastatur seelenruhig ihre Samples durch den Lärm schieben, strukturiertes Chaos als künstlerische Aktion. Das sind zwei von vielen Facetten eines Festivals, das sich als Protokoll gegenwärtiger Musik versteht; in ihrer Gegensätzlichkeit wird die heutige Kunstmusik relevant. Das Musikprotokoll läßt - von der erklingenden Musik über das charakteristische Ambiente bis zum differierenden Publikum/sverhalten - sich auf diese Gegensätze ein; dieser Kontrapunkt macht die Musik.

PS.: Anläßlich des vorjährigen Jubiläums "30 x Musikprotokoll" entstand die repräsentative sechsteilige CD-Edition "Moderne in Österreich -30 Jahre Musikprotokoll" und der 3ominütige Dokumentarfilm "30 x Gegenwart - 30 x Musikprotokoll", sowie - ebenfalls über die traditionellen Gepflogenheiten hinausgehend -eine Festrede zur Eröffnung des Festivals, geschrieben und vorgetragen von Gert Jonke. Diese Rede ist nun verfügbar auf der Dokumentations-CD des Musikprotokolls 1997, gemeinsam mit uraufgeführten Stücken von Hanspeter Kyburz, Elisabeth Schimana, James Tenney sowie dem Trio Derek Bailey, Steve Noble und Pat Thomas. Die sechsteilige CD-Edition, das Video des Dokumentarfilms sowie die 97er Dokumentations-CD sind über das Musikprotokoll-Büro im ORF Landesstudio Steiermark erhältlich. In diesem Programmheft ist nun die Eröffnungsrede zum Musikprotokoll 97 von Gert Jonke auch abgedruckt, als bewußt wenig redigierte Mitschrift der extemporierend gehaltenen Rede, mitgeschnitten am 1. Oktober 1997 im Stefaniensaal des Grazer Congress.