musikprotokoll 1996

musikprotokoll 1996 Programmheftcover

Dieses musikprotokoll versteht sich - wie im Vorjahr - als ein kontroversielles Protokoll über den Stand gegenwärtiger Musik.
Kammermusik im emphatischen Sinn des Worts, überbordende Orchesterwerke, die hohe Kunst avancierten Improvisierens, eine Verbeugung vor ausgegrenzter Musik, eine monologisierend reflexive Kammeroper: Die Konzerte des musikprotokoll bündeln aktuelle Positionen der Kunstmusik im Grazer Congress. Großteils der Generation der 30jährigen gehören die Komponistinnen und Komponisten an, die Interpreten zählen durchwegs zu den renommiertesten ihres Fachs.

Die getarnte Kunst, die Modeschau, der Tanzabend, das Orchestrion: Dem Spiel mit Verhüllung, dem Tarnen und Täuschen sind Aspekte des musikprotokoll gewidmet. Künstlerisch wie gesellschaftlich bedingt Tarnung mimetische Angleichung an eine fremde Sprache. Im Gegensatz zum vorjährigen Thema "Das Rauschen", das konkret anhand mehrerer Werke erforscht wurde, ist das heurige Konzept der Camouflage einereits eher ein Spiel mit Wahrnehmungsmechanismen und andererseits beschäftigt sich dieser Blickwinkel mit einem Aspekt des heurigen "steirischen herbst-Themas, der "Aneignung fremder Sprachen, um sich darin (arbeitend, produzierend) einrichten zu können". Von Mauricio Kagels "Orchestrion-Straat" bis zur samstägigen Modeschau von Lisa D. mit Wolfgang Mitterers Musik gewährt der Blickwinkel der Camouflage ungewohnte Aussichten auf Kunst und Musik.
Das Eröffnungskonzert spiegelt - programmatisch für das Festival musikprotokoll - die Divergenz aktueller Musik wieder: Mayako Kubo verarbeitet bildhaft eine süßlich-traumatische, japanische Erfahrung; Michael Jarrell zeichnet eine feine, von Farbwirkung und sublimer Rhythmik geprägte "Music for a while", und Mauricio Kagels "Orchestrion-Straat" ist die scheppernde Kunst-Verbeugung vor ausgegrenzter Musik.

Roscoe Mitchell zählt zu den innovativsten Saxophonisten der "post-Coltrane period", besonders seine Konzentration auf wenig gespielte Holzblasinstrumente und sein in-Beziehung-Setzen von kompositorischer und improvisatorischer Arbeit wurden einflußreich. Als Gründungsmitglied und Saxophonist des "Art Ensemble of Chicago" wurde Roscoe Mitchell weltweit bekannt. Sein intensives und besonders von weiten Spannnungsbögen getragenes improvisatorisches Spiel sollte in Graz beim ersten Aufeinandertreffen Roscoe Mitchells mit Wolfgang Mitterer und Wolfgang Reisinger künstlerische Qualität herausfordern, pflegen doch Mitterer und Reisinger ein ebenfalls betont spannungsgeladenes Spiel, wenngleich mit abrupterem, attackierendem Gestus.
Ab Herbst 1996 ist Dennis Russell Davies der neue Chefdirigent des Radio Symphonieorchesters Wien und als ein Dirigent mit prononciertem Interesse auch für komponierende Zeitgenossen übernimmt er in diesem Herbst die Leitung des Orchesterkonzerts beim musikprotokoll. Die Uraufführung eines Werks von Christian Ofenbauer steht auf dem Programm, der mit "Bruchstück 6" eine - durch seine Oper "Medea" und durch das im Vorjahr beim musikprotokoll uraufgeführte Werk "unordentliche inseln" unterbrochene - frühere Auseinandersetzung mit dem Gestus des zu hinterfragenden Expressiven, des nur mehr als Bruchstücke zugänglichen Schönen fortsetzt. Dennis Russell Davies bringt zwei Werke mit nach Graz, das Pipa-Konzert der aus Burma stammenden Komponistin Bun-Ching Lam sowie die erste Orchesterkomposition des Amerikaners Steven Mackey. Mit den Auftritten der Ensembles "Klangforum Wien" und "ensemble recherche" am Freitag gelangen Werke exponierter und risikofreudiger Kammermusik zur Uraufführung. Das "ensemble recherche" mit Kwame Ryan am Dirigentenpult präsentiert die neue Komposition der aus Israel stammen den Komponistin Chaya Czernowin sowie Werke der Komponisten Cornelius Schwehr und Yuval Shaked. Das "Klangforum Wien", wiederum geleitet von Johannes Kalitzke, bringt ein neu es Werk des Grazer Komponisten Klaus Lang zur Uraufführung, Georg Friedrich Haas präsentiert eine Neufassung der Komposition Einklang freier Wesen...".

Der französische Komponist Gerard Grisey vollendete im April dieses Jahres ein weitausholendes, dreiviertelstündiges Ensemblewerk mit dem Titel "Vortex Temporum". In diesen Strudel der Zeit geraten in Griseys Komposition schillernde, aus der französischen Schule der Spektralmusik abgeleitete Klänge. Aus einem Stückbeginn von Arpeggio-ähnlichen Obertonkaskaden entwickelt sich eine kompositorische Befragung des klingenden Materials auf seine Spannungsfähigkeit hin. Das "ensemble recherche" mit Kwame Ryan spielt in Graz die österreichische Erstaufführung dieses Werks, die erst zweite Aufführung des Werks überhaupt.

"Cezanne's Doubt" nennt der amerikanische Komponist Daniel Rothman seine Kammeroper für einen Sänger und drei Instrumentalisten. Der Zweifel Paul Cezannes an seiner Kunst und an seiner Weltwahrnehmung ist in diesem Werk der Auslöser für ein selbstreflexiv monologisierendes Spiel; für Musik, deren Klanglichkeit eine Vorstellung von Mehrdeutigkeit, Irritation, Zweifel hörbar machen will. Interpretiert wird dieses Werk von einer kleinen Gruppe exquisiter Musiker und Computer/ Videokünstler aus den USA.

Der Komponist und Gitarrist Burkhard Stangl prägt mit einem extravaganten Gitarrespiel seit Jahren das Klangbild verschiedener Ensembles: im improvisierenden Trio mit Radu Malfatti und Gunter Schneider beispielsweise, als Mitmusiker in Gruppen von Franz Koglmann oder mit seinem eigenen Ensemble "Maxixe". Für das Grazer musikprotokoll entwickelt er ein neues, für sich selbst als Musiker konzipiertes Programm: eine Dreiviertelstunde "guitars solo" mit dem Komponisten, Improvisator und Gitarristen Burkhard Stangl.

Der Komponist Wolfgang Mitterer erarbeitet für das musikprotokoll als Auftragskomposition ein "akustisches Bühnenbild": die Musik zu einer Modeschau. Die Modeschöpferin Lisa D., deren neue Kollektion in ihrer eigenen Inszenierung präsentiert wird, spielt seit Jahren in ihren Arbeiten bewußt mit Rollenbildern und deren Umkehrung, mit der Kraft des Tarnens und Täuschens in Verhüllung und Entblößung. Nicht zuletzt verbergen sich in Lisa D.'s künstlerischer Strategie Konzepte der Camouflage.

Musik und Klangarbeit mit hohem Anspruch ist nicht auf die klassischen Konzert- und Bühnenrituale der Kunstmusik beschränkt und unter diesem Aspekt sind nach den vorjährigen Explorationen zum Thema "Das Rauschen" heuer Wolfgang Mitterers Musik zu Lisa D.'s Modeschau zu hören, sowie der Auftritt von DJ DSL, der Samstag Nacht Platten auflegt und mit seinen tanzbaren HipHop-Klanggemälden das musikprotokoll ausklingen lassen wird.