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musikprotokoll 1992

musikprotokoll 1992 Programmheftcover

Das diesjährige Musikprotokoll ist tragischerweise überschattet vom völlig unerwarteten Tod des Komponisten John Cage. Cage hat seinen Wahlspruch "In welchem Käfig (Cage) man sich auch befindet - man soll ihn verlassen" mit einer unerbittlichen Konsequenz selbst an sich wahrgemacht und verließ, noch bevor die großen angekündigten Ehrungen zu seinem 80. Geburtstag überall begannen, den Käfig seines Körpers und entzog sich damit, wenn auch sicher unfreiwillig, den Aufregungen der Geburtstagsfeiern, die überall auf der Welt für ihn vorbereitet wurden.
John Cage starb am 12. August 1992 in seiner New Yorker Wohnung an einem Schlaganfall.

Das Konzept zum Musikprotokoll '92 ist auf mannigfaltige Weise und bis ins Innerste mit dem Denken John Cages und mit den durch ihn vermittelten ästhetischen Erfahrungen verknüpft.
Für den in allen Gattungen tätigen Künstler John Cage typisch ist die Idee der Simultaneität: Cage, der selber Komponist, Maler, Literat, Philosoph und anerkannter Pilzkundler in einer Person war, vertrat dieses Prinzip hervorragend nicht nur in seiner Persönlichkeit, auch sein Werk und die Werke anderer, die sich anregen ließen von Cage, geben Zeugnis von der immer lebendigen Modernität dieser Idee. Ein neues Weltbild, ein anderes Denken über Musik, ja über Kunst allgemein haben wir ihm zu verdanken, und er war es auch, der wirklich einen noch nie vorher dagewesenen, gänzlich neuen Zeitbegriff über den der Gleichzeitigkeit aller Zeiten hinaus in die Musik einbrachte dadurch, daß er mit Hilfe von Zufallsoperationen, durch Praktizieren von Zen und durch die Kon-zeptionierung seiner kompositorischen Arbeit übers chinesische l Ging, dem "Buch der Wandlungen", eine Musik der absoluten Gegenwart hervorbrachte, Musik und Klang frei von menschlichem Wollen, Erinnern, Planen, ja überhaupt frei vom Vergehen der Zeit (Cage benutzt häufig auch keine Takt- und Metrumangaben) entstehen ließ, eine ganzheitliche Musik zudem.

So hält er in seiner neuen Kunst uns Hörern ständig eine Spiegelung des Lebens selbst bereit, in dem zufälliges Zusammentreffen, scheinbar Sinnloses und "nicht zu Verstehendes" immer wieder umordnend und unsere individuelle Existenz bestimmend eingreifen.

Cage öffnet das musikalische Material so, daß alles, was klingt, zu Musik wird, und nichts ist mehr getrennt vom Leben: das ganze Leben, mit allen seinen Klängen, auch den zufälligen, den "Geräuschen", tritt in den Raum des Musikalischen ein, wird als Musik zum ästhetischen Erlebnis, befreit alles in uns, was Schwingung ist oder Bewußtsein, wertet die Kategorie des "Spiels" auf als eine dem Leben gleichwertige in seiner Kunst. Und er bezieht die Menschen mit ein, die ihm zuhören, er öffnet die Fenster, er will niemanden ausschließen, an seinen Festen sollen alle teilhaben können.
Cage befreit die Musik, die Spieler, die Hörer, ja er befreit selbst die Zeit. Behutsam, aufmerksam nähert er sich gleichermaßen der Musik wie den Menschen, seine Liebenswürdigkeit als Mensch sowie sein für immer unvergeßliches, herrliches Lachen stehen im Einklang mit seiner Musik, die eine wahre musica humana, eine Musik für Menschen, für unsre eine Welt\s\.
Wenn man dies alles von John Cage weiß, versteht man die Konzeption des Musikprotokoll '92 besser, die sich im Unterschied zu den meisten sonst im Bereich der neuen Musik stattfindenden Festivals gezielt mit artübergreifenden Kunstereignissen beschäftigt. In "10 Ereignissen" zieht eine vielseitige, weitgefächerte Reihe von Veranstaltungen am Festivalbesucher vorbei, und in manche werden die Besucher sogar direkt selbst mit einbezogen, ganz im Cageschen Sinne. John Cage war das Herz der Neuen Musik. Daß es jetzt nicht mehr schlägt, ist ein unersetzlicher Verlust für unser zu Ende gehendes Jahrhundert. Cage und sein herzliches, freundliches, offenes und vielsagendes, ja weises Lachen waren einzigartig in der gesamten Kunstszene, sie werden uns fehlen, der Verlust wird bleiben. Vielleicht gelingt es, etwas von dieser seiner Herzlichkeit und Menschlichkeit in die Zukunft hinüber zu retten ...
Versuchen wirs!