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musikprotokoll 1991

musikprotokoll 1991 Programmheftcover

Nur mehr das hartgesottene Klischee versucht heute noch, Neue Musik auf den Intellekt, auf das Reißbrett rationaler Verfügung zu reduzieren. Das Spannungsfeld von konstruktiv-architektonischer Disposition und vielschichtigem Ausdruck, das große Musik seit jeher in den unterschiedlichsten Ausprägungen kennzeichnete, erfährt in der Musik der 90er Jahre bisher ungeahnte Dimensionen. Neue Musik entdeckt die Schattenseiten der Rationalität, die Kehrseiten des Tages, die Faszination des Dunklen, die Anziehung der Nacht. Dieses Musikprotokoll sucht die Chiffre NACHT aber nicht als Zuflucht ins Neoromantische, nicht als klingendes NEW AGE zu vereinnahmen.

Denn: Im Netzwerk von rational bestimmtem, zivilisatorischem Überbau und archaischen Tiefenstrukturen, in das jedes Ich verstrickt ist, erscheint die NACHT als möglicher Ort einer energiegeladenen Verweigerung. Die Nacht kann Schlupfwinkel sein, der Ort der Zuflucht. Doch die Geborgenheit in der Finsternis hat einen doppelten Boden. In äußerster Nähe begegnen sich Schutz und Hilflosigkeit, Verbergen und Preisgabe, Alptraum und Wunschtraum. Mächtig und zugleich fragil sind die Qualitäten von Schweigen oder Verschwiegenheit, von Ruf oder Schrei, von Pechschwarz und Nachthimmelblau.
So will dieses Musikprotokoll die Berührungszonen von Irrationalem und aufklärend Erhellendem in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Die verführerischen und gefährlich schwellenden Regionen zwischen Hell und Dunkel, Wachsein und Schlaf, Traum und Wirklichkeit, spiegeln sich in den Werktiteln zahlreicher Uraufführungen. "Traumphasen", "Nacht-Schatten" und,,. .. Geträumt" sind einige der vielen Werke, die in die spannungsvollen Bezirke des Geheimnisvollen und Abgründigen führen. So lassen die Mysterien der Nacht und deren kompositorische Auslotungen an die bedeutende Bemerkung Helmut Lachenmanns denken, "daß bei aller empfundenen Rationalität doch wieder magische Prozesse mitwirken".
Ihnen wünsche ich in diesen vier Tagen wieder eine lustvolle und ereignisreiche Spurensuche.

II faut desocculter l'occulte et occulter tout le reste. (Andre Breton)
We are such stuft äs dreams are made on and our little life is rounded with a sleep. (William Shakespeare)