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musikprotokoll 1990

musikprotokoll 1990 Programmheftcover

Als Edgar Varese von einer räumlichen Musik zu träumen begann, visierte er eine "spatiale Musik als Körper von Klängen, die sich frei im Raum entfalten" an. Das Bewußtsein von der neuentdeckten räumlichen Dimension der Musik ging Hand in Hand mit der Utopie einer Befreiung des Klanges. Seither ist die Faszination bewegter Klänge aus der Neuen Musik nicht mehr wegzudenken. Hat Kartheinz Stockhausen den Raum als eine gleichberechtigte Zustands-größe der Musik verstanden, so ist in vielen Partituren der letzten Jahre die Räumlichkeit von Musik zu einer eminent inhaltlichen Kategorie geworden.

Das kompositorische Sensorium reagiert damit kritisch auf die scheinbar unabweisliche Beschleunigung aller Wachstumsprozesse, auf jene Beschleunigung, die immer mehr und mehr sämtliche Räume unserer Erde erfaßt. Und diese Beschleunigung der Zeitabläufe führt dazu, daß für immer mehr Komponisten der Raum zu einem essentiellen Thema wird. In vielen Kompositionen aus jüngster Zeit werden nicht mehr Prozesse bestätigt. Vielmehr bricht die Musik aus jener Beschleunigungsspirale aus - mit der energischen Formulierung von Gegenräumen und imaginären Räumen.
Bahnbrechend darin ist die Arbeit Luigi Nonos der letzten Jahre: als musikalische Artikulation von Räumen, die nicht als Fluchtstätte, sondern als "Stillstellung von Zeit" (Walter Benjamin) zu verstehen sind. In diesen musikalischen Räumen entsteht durch die Stillstellung von Zeit die Reflexion auf Zeit und Geschichte: ein "Lauschen" als erkundender Aufbruch in die Tiefe des Raums. Viele Partituren der letzten Jahre thematisieren darüber hinaus aber auch das unentspannte Verhältnis zwischen unseren zivilisierten Räumen und jenen archaischen Tiefenschichten, die als brodelnder Untersatz unseres Unterbewußten ein zumeist unerkanntes Leben führen. Peter Eötvös und Karlheinz Essl, Christian Muthspiel und Michael Jarrell, Younghi Pagh-Paan und UrosRojko, Robyn Schulkowsky, Beat Furrer und Gerd Kühr haben Werke geschrieben, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten der Beziehung von Raum und Musik auseinandersetzen und beim diesjährigen Musikprotokoll ihre Uraufführung erleben werden. Viele von ihnen haben auch eine zweite Herausforderung angenommen, nämlich die Kategorie des Raums mit jener des Lichts zusammenzudenken: Nicht nur als in jüngster Zeit für viele Komponisten bedeutende poetische Chiffre, sondern insbesondere als perspektivische Beziehung zu den räumlichen Strukturen von Musik.

Edgar Varese war nicht nur der Vater der Vision, Klänge als bewegliche Tonkörper im Raum zu denken. Er formulierte auch eine Utopie, die geeignet sein könnte, einen Wegweiser zu den labyrinthischen Beziehungen von Raum und Licht zu weisen: "Ich nenne dieses Phänomen das Projizieren des Klanges. Ich sollte es vielleicht Klangbüschel nennen, weil es mich an Lichtbüschel, die von einem sehr starken Leuchtturm ausgestrahlt werden, erinnert. Für das Auge erwecken sie den Eindruck des Nichtendens, der Reise ins All." Vareses Vision dieses Nichtendens war der spannende Ansatzpunkt für den Schritt, die bei Aufführungen Neuer Musik meist immer noch übliche Einheitsbeleuchtung zu verlassen.

Warum also - so lautete die herausfordernde Frage - nicht für jede Komposition einen spezifischen Lichtraum entwickeln, der in einer spannungsvollen Beziehung zu den Impulsen der musikalischen Dramaturgie stehen sollte? Wir sind sehr glücklich darüber, daß für die Gestaltung dieser Lichträume mit Alfons Schilling ein Künstler gewonnen werden konnte, der eine große Affinität zur Neuen Musik hat und für den die verschiedenen Aspekte des Raums einen zentralen Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit bilden.